Als ich Anfang April gerade brainstorme, welche Gäste ich mir für »Die Galerie deines Lebens« wünsche, fällt schnell auf – es sind viele Frauen. Bisher hatten mir männliche Interviewgäste erst euphorisch zugesagt, doch meldeten sich auf konkrete Terminanfragen nicht mehr. Frustrierend.
Bei ihm war es anders. Ich war mir sicher, gerade Gerd Schäfer braucht Bedenkzeit, habe ich ihn doch auf der Leipziger Buchmesse nur kurz, dafür aber als eher schüchternen und sensiblen Menschen kennengelernt. Er machte auch kein Geheimnis daraus, dass das Thema Hochsensibilität bei ihm eine große Rolle spielt. Die Anfrage via Instagram geht dennoch raus. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt und manchmal kommt es eben anders als wir denken. Nach nur achtzehn Minuten habe ich eine äußerst wertschätzende Zusage für das Bloginterview, verbunden mit der Nachfrage, ob Kameras dabei eine Rolle spielen. Als wir das Zoom-Meeting zwei Wochen später starten, bin ich mir wieder sicher: Seine Schüchternheit wird meine größte Herausforderung.
»Mir fehlt einfach die Lockerheit.«
Manche Menschen sprechen nicht laut und doch hallen ihre Gedanken lange nach. Muss man laut sein, um gehört zu werden? Oder liegt gerade in der Zurückhaltung eine Form der Tiefe, die man in der heutigen Zeit vielleicht gar nicht mehr so findet?
Spannende Frage. Ich bin ein sehr ruhiger, leiser Mensch, habe aber oft das Gefühl, dass mir dadurch zum einen viel entgeht. Andererseits werde ich auch nicht so wahrgenommen. Ich habe immer das Gefühl, dass Leute, die laut sind, einfach automatisch gehört werden. Mehr Beachtung finden. Menschen wie ich laufen da immer so ein bisschen nebenher. Ob das jetzt tatsächlich so ist, weiß ich nicht. Spontan fällt mir zum Thema leise und laut der Umgang mit meinen Kindern ein. Ich war immer leise. Außer zweimal. Da bin ich mit den Kindern laut geworden. Und das hat dann gewirkt. Das war für die Kinder irgendwie was komplett Neues und Besonderes. Und die Reaktion war anders als bei meiner Frau. Die Kinder waren total am Ende. Wenn man also als leiser Mensch mal laut spricht, dann wird man richtig gehört. Ob das jetzt allgemeingültig ist, weiß ich nicht. Aber bei meinen Kindern hat es funktioniert.
Das war dann wahrscheinlich eine besondere Situation, oder?
Ja, ich weiß gar nicht mehr, was es war. Es hat sich einfach extrem viel aufgebauscht. Und irgendwann ging es nicht mehr. Dann hat sich das so ergeben. Wie gesagt, das kommt fast nie vor bei mir. Vielleicht war das der besondere Effekt.
Geht das vielleicht auch mit so einer Art Zögerlichkeit oder Unsicherheit einher, dass du eher der leise Typ bist?
Das kann schon sein. Ich war es halt schon immer – von Kindheit an. Ich glaube, dass sich dadurch auch eine gewisse Unsicherheit entwickelt hat. Diese bemerke ich in der heutigen Zeit bei Lesungen oder jetzt auch hier beim Interview. Ich kann da einfach nicht total offen rangehen. Nach dem Motto: Ey cool, ich gebe jetzt ein Interview. Das ist mir jetzt die Tage vorher egal. Fünf Minuten vorher fange ich an, mir Gedanken zu machen. Stattdessen geht es immer schon Tage vorher los, dass ich mir überlege: Was kann ich sagen? Bei Lesungen auch. Ich mache mir tausend Gedanken und bin tatsächlich extrem unsicher. Wenn es dann so weit ist, geht es meistens. Aber im Gegensatz zu diesen Rampensäuen habe ich immer das Gefühl, ich muss aufpassen, was ich sage. Bloß nicht verhaspeln. Mir fehlt einfach die Lockerheit. Das kriege ich auch nicht mehr weg.
Wir kennen es alle aus Schulzeiten: Man hält Vorträge oder singt vor der Klasse. Gab es vielleicht in der Kindheit oder Jugend einen Moment, der diese Unsicherheit ausgelöst haben könnte?
Darüber habe ich auch schon häufiger nachgedacht. Klar, wir hatten auch solche Herausforderungen. Es ging im Kindergarten los mit irgendwelchen Aufführungen. Später auch in der Grundschule. Da war ich halt auch immer mit dabei. Ich kann mich jedoch nicht erinnern, dass es eine Situation gab, die besonders negativ war. Dass ich mal ausgelacht wurde oder so. In der weiterführenden Schule mussten wir überraschend selten Vorträge oder Referate halten. Vergleiche ich es mit der Schulzeit meiner Kinder, war das wirklich viel weniger. Im Nachhinein wahrscheinlich gar nicht so gut. Vielleicht hätte es ein bisschen mehr geschult.
Dann gehören Schüchternheit und Unsicherheit vielleicht einfach zu Gerd, oder?
Ja, das gehört wohl einfach zum Gesamtpaket dazu. Jeder, der etwas mit mir zu tun hat, muss damit leben. Ich bewundere immer die Menschen, die das so gut können. Ich habe dich zum ersten Mal bei dieser Lesung auf der Leipziger Buchmesse gesehen. Diese Ruhe, die du da ausgestrahlt hast, das fand ich beeindruckend.
»Ich mag die meisten Menschen trotzdem.«
Wenn ich dir jetzt sage, dass ich innerlich gebebt habe bei dieser Lesung, dann wirst du es mir vielleicht nicht glauben. Aber die Aufregung war enorm. Vielleicht kommen wir noch mal ganz kurz zu dieser Zögerlichkeit zurück. Gab es mal einen Moment, in dem du das Gefühl hattest, dir sei aufgrund deiner Zögerlichkeit etwas entgangen?
Also mit Sicherheit gab es solche Situationen, aber ich könnte jetzt nicht sagen, dass es da etwas gibt, das besonders hängen geblieben ist. So nach dem Motto, das hätte mein Leben verändert. Eher viele Kleinigkeiten. Zum Beispiel in jungen Jahren beim Knüpfen von Kontakten mit den Mädels. Sicher habe ich da erstmal abgewartet und war zögerlicher als andere, bis es dann eben zu spät war und jemand anderes den Vorzug bekam. Sicherlich gab es noch andere Situationen, aber ich denke, mein Leben hat sich dadurch nicht großartig verändert. Am Ende weiß man dann auch meistens nicht, wie es sich verändert hätte, wenn man vielleicht fünf Minuten eher »hier« geschrien hätte. Ich glaube, ich habe das, wenn es so war, auch immer direkt verdrängt, ohne mir jetzt da noch wochenlang Gedanken zu machen.
Gerd, lass uns mal die erste Gefühlstür öffnen. Gewährst du mir einen Blick in deine Galerie der Ehrfurcht? An welcher Situation oder Begegnung möchtest du mich teilhaben lassen?
[überlegt] … Ich weiß nicht, ob man es Ehrfurcht nennt, aber woran ich sofort denke, sind Musicals. Da gab es immer mal wieder Momente, in denen es mich regelrecht schüttelte. Da lief es mir kalt den Rücken runter und ich dachte einfach nur: Wow, was für ein Moment. Bei Menschen habe ich das tatsächlich eher selten. Ich mag die meisten Menschen trotzdem. Schöne Schlagzeile. [Lacht]. Ich kenne viele besondere Menschen, die ich gern um mich habe, aber dass ich vor Ehrfurcht erstarre … das ist mir noch nie passiert. Vielleicht liegt das auch ein bisschen daran, dass ich fast zwei Meter groß bin. Denn andersrum passiert das immer mal wieder, wenn kleine Kinder auf mich zukommen und erst ihre Eltern anschauen, dann so zu mir rauf und ihnen ein Wow rausrutscht.
Du hast diesen ergreifenden Moment im Musical beschrieben. Welches war es?
Es sind zwei. Zum einen mein Lieblingsmusical Tanz der Vampire. Das mal so ganz grundsätzlich. Und dann habe ich vor ganz vielen Jahren mal Gambler in Bremen gesehen. Das war die Zeit, in Köln lief Gaudi und in Bremen lief Gambler. Ich habe mich zuvor nicht damit beschäftigt. Fand das auch vom Thema her eher mittelmäßig. Aber ich dachte: Okay, guck es dir an, wenn es sein muss. Doch dann hat es mich an ganz vielen Stellen so überwältigt. Das war sensationell.
Toll.
Ja, manchmal passiert das genau in dem Moment, wenn wir es gar nicht erwarten. Geht man mit zu hohen Erwartungen ran, ist die Chance, dass sowas passiert, relativ gering. Wenn man denkt, na ja, muss ja irgendwie, ich kriege es schon hinter mich gebracht, dann wird es richtig klasse. Das ist bei Partys auch so. Je niedriger die Erwartung, desto mehr kann man überrascht werden.
»Ist es das wert?«
Das wäre auch ein guter Ansatz für deine Zögerlichkeit, oder? Wann hast du dich denn mal was getraut, obwohl dein Inneres geschrien hat: Gerd, bitte lass es einfach!
Es sind fast alle Situationen, die mit meinen Büchern zu tun haben. Die erste Lesung, vielleicht auch die zweite oder dritte. Obwohl wahrscheinlich eher Lesungen an sich. Ich verspüre Wochen vorher dann so eine gewisse Vorfreude. Und je näher der Termin kommt, denke ich dann: Boah, nee, bloß nicht. Kann nicht irgendwas passieren, dass die Lesung abgesagt wird. Meine erste Lesung ist tatsächlich wegen Corona abgesagt worden. Aber diese Gedanken kommen immer wieder. Dann muss ich mich echt überwinden, hinzugehen und das zu machen. Und nachher denke ich dann: Ach, das war richtig schön. Vor zwei Jahren hatte ich ein Fernsehinterview. Da ging es mir auch so. Es war nicht live, wurde nur aufgezeichnet. Aber ich dachte, du kriegst hier gleich überhaupt kein Wort raus. Warum tust du das? Wahrscheinlich verkaufst du zwei, drei Bücher dadurch. Ist es das wert? Im Nachhinein war es eine schöne Erfahrung. Auch wenn ich sie jetzt nicht regelmäßig haben müsste.

Diese Erfahrung macht dich nicht automatisch mutiger? Denn mich hast du zuerst auf meine Interviewanfrage hin gefragt, ob es aufgezeichnet wird.
Nein, es ist tatsächlich so. Es macht mich nicht mutiger. Also vielleicht einen Hauch. Denn der Gedanke, dass es beim letzten Mal ja auch relativ gut lief, beruhigt schon. Aber dass ich jetzt sagen könnte: Hey, super, ich habe jetzt vier Lesungen und fünf Interviews gehabt. Das nächste geht jetzt locker von der Hand … nein, kein bisschen.
»Plötzlich steht man im Mittelpunkt«
Hilft Feedback? Wenn z. B. deine Frau sagt: Boah, guck mal hier im Fernsehen, das war echt cool!
Es hilft auf jeden Fall. Selbst- und Fremdwahrnehmung klaffen da sicher auseinander. Ich schaue immer sehr auf meine Schwächen. Häufig sind es auch meine Erwartungen, weil ich dann denke, du musst jetzt genauso cool rüberkommen, wie du denkst, dass du bist. Aber das kommt dann selten so rüber. Andere sehen das ganz anders. Ich selbst habe das Gefühl, eigentlich bist du ja doch ziemlich cool. Und dann sehe ich ein Bild von mir und denke, ach nee, doch nicht.
Ändert das positive Feedback anderer etwas daran?
Natürlich freut es mich, wenn jemand sagt, dass ich etwas gut gemacht habe. Gelobt zu werden, ist eine bedeutungsvolle Sache. Auch loben. Das ist schön. Und der Vorteil bei so einem Interview ist, man wird mal gesehen. Da komme ich wieder zu der Stelle, wo ich als schüchterner, ruhiger Mensch das Gefühl habe, nicht so häufig wahrgenommen, gesehen zu werden. Plötzlich steht man im Mittelpunkt. Was einerseits ganz schrecklich aufregend ist und mich nervös macht, aber andererseits auch mal ganz schön ist. Wenn ich die Blicke auf mich lenke und plötzlich der »Star« bin.
Auf deinem Instagram-Profil sind viele Cover und nur selten ein Bild von dir dazwischen.
Ich konzentriere mich auf das, was ich tue, und nicht so sehr auf den, der ich bin. Hier geht es um die Bücher und wenn ich mich da jetzt hinstelle, wer will das sehen? Wobei das vielleicht der falsche Gedanke ist. Wenn man sich die Bilder oder überhaupt die Beiträge anguckt. Es werden doch regelmäßig die gelikt, wo ich mit drauf bin, als solche, wo ein Buchcover drauf ist.
Ich denke, dass viele Leserinnen und Leser daran interessiert sind, wer der Mensch ist, der das alles aufschreibt.
Das habe ich schon öfter gehört. Ich habe nur totale Schwierigkeiten, mich zu präsentieren oder irgendwas so zu zeigen, dass ich denke, die Leute interessiert es. Da bräuchte ich so einen Marketing- oder Social-Media-Berater, der mir sagt, was ich tun soll.
Gerd, ich glaube, wenn das nicht von dir kommt, dann können viele Berater schlaue Tipps geben. Sobald du nicht authentisch bist, merkt das deine Leserschaft.
Das mag natürlich sein.
Sich zu verstellen, kommt nicht so gut an. Insofern ist das vielleicht auch genau dein Weg, einfach der zurückhaltende Gerd.
Ja, also es ist zumindest ein Weg, bei dem ich mich nicht unwohl fühle. Es wird ja immer gesagt, du musst Reels machen oder was auch immer. Da weiß ich, ich fühle mich unwohl. Deshalb drücke ich mich immer vor solchen Sachen.
Und ich meine, die meisten Videos, die man so sieht, in denen frei und vor allem fehlerfrei gesprochen wird, die sind eh zehnmal gedreht worden.
Das kannst du bei einer Lesung nicht machen. Da fällt man dann auf die Schnauze.
Aber wenn wir jetzt schon bei deinem Schaffen als Autor, du bist auch noch Fotograf, habe ich jetzt eben rausgehört. Nebenberuflich?
Eher ein schönes Hobby. Ich habe mich immer wieder ausprobiert, aber Fotografie hat mich besonders gepackt. Ich mag Schwarz-Weiß-Fotografie und vor allen Dingen Porträts. Mit irgendwelchen Menschen schöne Fotos machen, das macht schon Spaß.
»Das wollte ich auch eigentlich gar nicht veröffentlichen.«

Welche Gefühle verbindest du mit dem Schreiben?
Das hat sich mit der Zeit gewandelt. Mein erstes Buch habe ich aus einer Burn-out-Phase heraus geschrieben. Da ist mir unfassbar viel durch den Kopf gegangen. Ich habe angefangen, all diese Gedanken aufzuschreiben. In Richtung: Sinn des Lebens. Was mache ich hier? Wie kann ich den Arbeitsproblemen begegnen und wieder mehr für mich tun? Im Nachgang habe ich es gelesen und hielt diese Gedanken für sehr schön und sinnvoll. Die bloßen Gedanken weiterzugeben, ergab aus meiner Sicht keinen Sinn. Deshalb habe ich eine Geschichte drumherum geschrieben. »Mein kleiner Alien: Auf der Suche nach des Pudels Kern« heißt das Buch. Das wollte ich auch eigentlich gar nicht veröffentlichen.
Warum?
Das war eher für Verwandte und Freunde. Ich hatte auch keine Ahnung, wie das alles funktionierte. Und dann bin ich beim Stöbern darauf gestoßen, dass man relativ günstig Bücher einfach drucken lassen kann. Als ich sah, dass es nur einen Button braucht, um es auch zu veröffentlichen, traf ich eine schnelle Entscheidung.
Eine Kurzschlusshandlung verbunden mit welchen Gefühlen?
Gänzlich positiven. Ich war von jeder Zeile des Buches überzeugt und war mir in diesem Augenblick sicher, dass mir das Universum eine sensationelle Möglichkeit geboten hätte, die Welt mit meinem Text zu erobern. Es war aufregend, ein Moment voller Hoffnung. Schon der Gedanke, mein eigenes Buch in Händen zu halten, war toll. Die Vorstellung, dass nun unzählige Menschen mein Buch lesen können, war überwältigend.
Wie ging es weiter?
Beim zweiten Buch war es ähnlich. Danach hat es sich gewandelt. Auch thematisch. Meine Solo-Bücher haben vor allem mit Liebe und Gefühlen zu tun. Persönliche Entwicklung ist immer mit dabei. Außerdem habe ich gemeinsam mit Sina Land ein paar Bücher geschrieben. Das sind eher Märchen für Erwachsene. Wohlfühlgeschichten mit tieferem Sinn. Solche, die Menschen lesen und nicht bemerken, dass sie da in tiefen Gedankengängen landen. Ich finde diese Mischung ganz schön.
»Es geht oft genug so weit, dass mir beim Schreiben die Tränen kommen, weil es plötzlich so tief geht.«
Schreibst du auch in anderen Genres?
Was ich schon immer mal schreiben wollte, waren Thriller. Aber da habe ich gemerkt, das ist mir zu komplex. Ich lese fast nur Thriller, nicht irgendwelchen Psychokram, sondern in Richtung Action und Abenteuer. Die Sachen, die ich selbst schreibe, lese ich im Prinzip gar nicht. Nur ausnahmsweise für befreundete Autoren.

Ist das Schreiben deiner eigenen Geschichten ein Ausgleich, der dich glücklich macht, obwohl du sie selbst nicht lesen würdest?
Ich merke beim Schreiben immer wieder, dass es mir guttut. In den Figuren steckt auch extrem viel von mir drin. Es geht oft genug so weit, dass mir beim Schreiben die Tränen kommen, weil es plötzlich so tief geht. Zum Beispiel bei den Themen Tod oder Verlust. Sowohl beim Schreiben als auch später beim Überarbeiten. Ich bemerke, wie diese Themen hochkommen, und dass mich das doch sehr mitnimmt. Nicht auf eine negative Art und Weise.
Kannst du eine Szene mit uns teilen, bei der das passiert ist?
Ja, in meinem zweiten Buch »Frag nach Mario«. Da geht es um eine junge Frau, die im Burn-out drinsteckt. Sie erfährt Hilfe von einem Menschen, den sie nur online kennt. Er schickt sie auf verschiedene Reisen, auf denen sie bestimmte Menschen und vor allem sich selbst kennenlernt. Es gibt eine Situation, in der sie nach vielen Jahren wieder in ihre Heimat zurückkommt. Ihre Oma ist gestorben. Sie fühlt sich, als hätte sie ihre Oma im Stich gelassen. Alles, was sie früher gemeinsam erlebt haben, kommt wieder hoch. Um es nachempfinden zu können, muss man diese Stelle lesen. Ich habe es noch nie geschafft, diese Szene in einer Lesung öffentlich vorzutragen. Da drücke ich mich immer drum, weil ich mir sicher bin, dass ich dann auf der Bühne die Stimme verliere.
»Ich solle diese depressiven Phasen für mich ausnutzen, was das Schreiben angeht.«
Das kann ich mir gerade sehr gut vorstellen. Da fällt mir sofort eine Szene aus meinem ersten Buch ein, die ich öfter lese und das noch nie ohne aufsteigende Tränen. Gerd, du hast vorhin beschrieben, dass du Burn-out hattest. Wie hast du es wieder rausgeschafft?
Ich glaube, das war ein bisschen durch den Zeitablauf. Mein Arzt hat mich für drei, vier Wochen krankgeschrieben. Danach habe ich der Arbeit weniger Wichtigkeit gegeben. Das ist schon viele Jahre her. Damals ging es wohl eher in die Richtung Burn-out. Ich habe dann später erst herausgefunden, dass ich regelmäßig mit depressiven Phasen zu kämpfen habe. Ich denke, dass in dem Moment viel zusammengekommen ist. Ein Arzt hat es depressive Eintrübung genannt. Wo jetzt ein Unterschied zur Depression ist, ob es da einen gibt, weiß ich nicht. Das kommt immer mal wieder hoch bei mir.
Wie gehst du damit um?
Am wichtigsten ist für mich, dass ich es merke. Ich falle in ein Loch. Alles ist irgendwie doof. Das geht so lange bergab, bis ich mir bewusst werde, dass ich jetzt in so einer Phase stecke. Wenn ich dann verstehe, warum es gerade so schlecht ist und dass ich nichts dafür kann, ist dies der erste Schritt, damit es wieder bergauf geht. Das hilft mir unheimlich.
Warst du in Behandlung?
Ich war mal in der Reha und da habe ich mit einer Psychologin gesprochen. Die hat mir eigentlich einen ausgezeichneten Tipp gegeben, den ich vorher bereits berücksichtigt habe, ohne es wirklich zu merken. Ich solle diese depressiven Phasen für mich ausnutzen, was das Schreiben angeht. Ich habe ein paar Gedichte in diesen Phasen geschrieben. Sie an anderen Tagen zu schreiben, ist vollkommen unmöglich. Aktuell hätte ich keine Chance, auch nur annähernd so tief zu gehen. In den Phasen funktioniert das. Es gibt ganz viele kreative Menschen, Künstler, denen es ähnlich geht. Es ist nicht so, dass ich einen Literatur-Nobelpreis bekommen habe, aber vielleicht kommt es ja noch. Dennoch merke ich einfach, dass ich in depressiven Phasen ein anderer Mensch beim Schreiben bin.
Dann ist es eine Gabe?
Ja, so ein bisschen schon. Ich denke, wenn es nicht schlimmer wird, kann ich es so positiv betrachten. So eine Depression kann natürlich auch tiefer gehen. Ich hatte zum Glück noch nie den Gedanken, ich müsse vor einen Zug springen oder sowas. Davon bin ich ganz weit weg. Dafür spielt bei mir das Thema Hochsensibilität eine große Rolle.
»Einerseits neugierig, andererseits habe ich Panik vor Veränderungen.«
Wann bist du erstmalig mit diesem Thema konfrontiert worden?
Das ist schon eine ganze Weile her. In den vergangenen Jahren habe ich immer wieder gemerkt, wie sehr mich das Thema betrifft. Zum Glück hat mein Heilpraktiker mich damit konfrontiert. Er hat mir ein Lehrbuch empfohlen. Ich weiß gar nicht, ob ich es ganz gelesen habe. Das war ein bisschen trocken. Aber ich habe mir immer Punkte mitgeschrieben, bei denen ich mir sicher war, dass es bei mir auch so ist. Danach habe ich ein paar Online-Tests gemacht. Die waren positiv und auch wenn es nicht wissenschaftlich nachgeprüft wurde, fühlte ich, dass es stimmt. Gern hätte ich viel früher davon gewusst.
Was hat das verändert?
Im Großen und Ganzen wahrscheinlich nichts, aber ich glaube, das Gefühl zu mir. Ich hatte schon immer so ein bisschen das Gefühl, irgendwie anders als die anderen zu sein. Bemerkt habe ich es schon in der Jugend, wenn es um Partys ging oder solche Sachen. Ich habe damit nicht viel anfangen können, weil es mich immer mehr gestresst hat, als dass ich es genießen konnte. Es war eher so ein Zwang.
Wie meinst du das?
So nach dem Motto: na gut. Es gehen alle hin, dann muss ich halt auch hin. Das hat sich durchgezogen. Damals hätte ich gerne gewusst, dass meine Empfindungen vollkommen in Ordnung sind. Dass ich an der Stelle einfach ganz andere Bedürfnisse habe als meine Freunde. Ich glaube, das hätte mir von Anfang an schon geholfen, ein anderes Gefühl zu mir selbst aufzubauen. Vielleicht hätte ich auch eher versucht, Dinge zu tun, von denen ich weiß, dass sie mir auf jeden Fall guttun. Weniger von denen, zu denen ich mich zwingen musste. Ich glaube, ich habe das so viele Jahre weggedrückt. Alles, was mit Nein sagen einhergeht. Damit habe ich schon immer riesengroße Probleme gehabt. Mittlerweile geht es so langsam. Wenn ich merke, ich soll jetzt irgendwo hin und habe keine Lust, dann ist das so. Ich gehe nicht hin.
Was hat sich noch verändert, außer Situationen besser einordnen zu können?
Das Begreifen im Kopf und die Annahme, dass es einfach so ist. Ich bemerke, dass eine Situation wirklich bescheuert ist, kann aber nichts daran ändern. Wie bei dem Beispiel mit der Lesung am Anfang. Ein halbes Jahr vorher, wenn einer fragt, willst du eine Lesung machen? Da bin ich enthusiastisch und denke, nichts lieber als das. Dennoch bin ich gefangen zwischen »ich will Neues erleben« und der Überforderung, die das Ganze dann mit sich bringt. Einerseits neugierig, andererseits habe ich Panik vor Veränderungen.
Gerd, lass uns eine andere Tür aufschlagen. Dankbarkeit. Welches Bild verbindest du mit diesem Gefühl?
Auf jeden Fall meine Kinder. Die hängen in dieser Galerie da ganz weit oben. Das ist einfach von Anfang an die große Liebe und Dankbarkeit gewesen. Da fällt mir eine konkrete Situation ein. Ich weiß gar nicht mehr, wie alt die Kinder waren. Noch sehr jung. Auf jeden Fall unter zehn. Da habe ich zum Geburtstag eine selbstgeschriebene Karte bekommen. Sie schenkten mir 30 Euro und schrieben: Damit du dir ein neues Objektiv für deine Kamera kaufen kannst. [Die Stimme bricht.]
Oh Gott, das ist ja süß.
Die Karte habe ich immer noch. Ich merke es jetzt selbst. Mir steigen auch gleich die Tränen in die Augen. Das war wirklich unglaublich. Ich empfand das als ganz großes Geschenk.
Allein zu spüren, mein Kind sieht mich. Und in dem Fall haben sie ja ganz klar gesehen, was dich glücklich macht.
Ja, auch der Gedanke, dass meine kleinen Kinder für mich an ihr Erspartes gehen und mir Geld schenken, war ganz toll. Dennoch habe ich ihnen das Geld zurückgegeben. Ansonsten bin ich immer wieder dankbar, wenn ich sehe, dass alle soweit gesund sind. Ich habe viel mit Menschen zu tun, die gesundheitliche Probleme haben. Oder die finanziell immer wieder in irgendwelche Probleme geraten. Das sind dann immer die Momente, in denen ich denke, mir geht es doch gut. Uns allen geht es gut in der Familie. Da verspüre ich doch schon sehr viel Dankbarkeit.

Lass uns zum Schluss noch die Tür zur Freiheit öffnen. Mein Sohn inspirierte mich zu dieser Frage am Wochenende bei einem Spaziergang am See. Welches Bild hängt in deiner Galerie der Freiheit?
Für mich hat Freiheit mit den Bergen zu tun. Ich liebe die Alpen. Schon seit meiner Kindheit. Wenn wir in den Urlaub fahren, in ein Tal hinein, wo rechts und links die Gipfel zu sehen sind. Das ist in dem Moment schon wie nach Hause kommen. In der Art: Jetzt ist alles gut. Dann los zuwandern und irgendwo ganz weit weg von irgendwelchen Menschen und der Zivilisation, zwischen Berggipfeln, Bergseen, Blumen und Kühen rumzulaufen. Das ist einfach wundervoll.