»Ich kann nicht schreiben, wenn Susi staubsaugt.« Sarah und ich sind uns einig: Das könnte der Titel eines neuen Schlagers sein, der sich in der Hitparade gleich hinter Nina Hagens »Du hast den Farbfilm vergessen« einreiht. Doch es ist die Antwort des Schriftstellers Peter Grandl auf Sarahs Frage, ob er seine zahlreichen Zugfahrten zum Schreiben nutzt. Dies wäre auf der mehrmonatigen Lesereise rund um seinen Thriller »Reset – Die Wahrheit stirbt zuerst« Ende 2025 sicher hilfreich gewesen, aber eben gleichzeitig auch nicht zielführend, wie er später näher beschreibt.
Zwischen Staubsaugerverboten, Zugfahrten und Kuchen erzählt Peter Grandl von digitaler Angst, gesellschaftlicher Verantwortung und der Sehnsucht nach leisen Räumen. Ein Gespräch über Wahrheit, Überforderung, Stolz, Familie – und darüber, warum Erfolg manchmal weniger mit Preisen zu tun hat als mit dem, was einen innerlich in Bewegung hält.
»Das ist so ein Paradoxon, weil es letztlich eine Droge ist.«
Wir leben in einer Welt, in der digitale Manipulationen bereits Realität sind. In »Reset« kämpfst du nicht nur literarisch um die Wahrheit, sondern auch um unser Vertrauen in die Demokratie. Wie fühlt es sich an, dass deine Fiktion in Teilen die Wirklichkeit längst eingeholt hat?

Als ich vor über zwei Jahren mit dem Roman angefangen habe, war es noch nicht so schlimm. Inzwischen ist die Realität der Fiktion viel näher als zuvor. Das treibt auch die Filmproduktion um, die mein Buch verfilmen möchte. Sie sagen selbst: Wir müssen uns verdammt beeilen, damit uns die Realität nicht überholt. Und das macht mir schon Angst.
Letztlich habe ich nichts anderes gemacht, als Spezialisten zu fragen, wo uns die ganze digitale Welt hinführt. Gerade wenn es um militärische Fragen geht, haben sie mir immer wieder bestätigt, dass alles, was mit Kampfdrohnen, autonomen Kampfmaschinen und Robotern, wie wir sie aus Terminator kennen, blanke Utopie ist. Viel wahrscheinlicher ist der Verlust der Wahrheit und der Nachrichten. Militärs arbeiten heute weltweit an der systematischen Destabilisierung des gegnerischen Staates. Ein Sturz des Machtapparats wäre viel einfacher als die Eroberung mit Panzern und Soldaten.
Was lösen diese Informationen über Cyberkriege bei dir aus?
Nun sind meine Kinder schon so groß. Sie entscheiden selbst, wann sie wo und wie ins Internet gehen und welche Handys sie verwenden oder wie viel Zeit sie am Ende damit verbringen. Aber wenn ich Debatten über Altersbeschränkungen für Smartphones oder bestimmte Apps mitbekomme, kann ich das nur begrüßen. Ich bemerke, dass selbst ich als erwachsener Mann dem ständigen Griff zum Handy und der Präsenz in sozialen Medien nur schwer widerstehen kann.
Zeit spielt plötzlich keine Rolle mehr …
Ja, wenn du da mal eine Stunde lang auf Instagram oder Facebook warst, dann merkst du erst, dass du jetzt eine Stunde Zeit damit verbracht hast, durch eine ganze Menge hirnloser Videos zu scrollen. Das macht mir eigentlich die größte Angst. Zum einen die davor, nicht zu wissen, was ich glauben darf. Zum anderen die Abhängigkeit von dieser Digitalität. Alkohol, Zigaretten, Kokain – all das stufen wir als gefährliche Drogen ein. Gleichzeitig nutzen wir selbstverständlich soziale Medien. Dieses Paradoxon ist offensichtlich: Auch sie wirken wie eine Droge.

Inwiefern stumpfen Menschen ab, je mehr sie diese Dinge konsumieren?
Ich glaube, sie verfallen einfach den falschen Göttern und damit auch den falschen Götzen, weil sie letztlich ihr eigenes Leben und ihr Dasein über den Filter von Social Media idealisieren. Das wiederum führt bei anderen zu Frust oder sie möchten das nachahmen. Den anderen sogar übertreffen.
»Das macht mich ganz kirre.«
Hast du ein konkretes Beispiel?
Wir sind sehr gern an der Zugspitze, am Eibsee. Ein großer See, um den sich eine Rundwanderung lohnt. Vor drei bis vier Jahren war er nur während der Sommerferien gut besucht. Inzwischen gibt es dort aber ein oder zwei sogenannte Insta-Hotspots. Die Menschen kommen in Scharen. Aber nicht für die Wanderung. Die Busse laden Touristen aus aller Welt relativ nah an diesem Hotspot ab. Dort marschieren sie hin, machen dieses eine Foto von sich, im Hintergrund eine kleine Insel, das Wasser und eben die weißen Gipfel. Danach gehen sie die zehn Meter wieder zurück. Dabei ist die Natur am ganzen See wirklich wunderschön. Aber nein, nur der eine Aussichtspunkt mit deren Gesicht drauf ist relevant. Das perfekte Bild.
Davon gibt es sicher noch mehr Hotspots.
Ja, das begegnet uns überall auf der ganzen Welt. Plötzlich wird Dubrovnik überlaufen, weil da »Game of Thrones« gedreht worden ist, und du kannst keinen Meter mehr gehen. In Venedig muss jetzt Eintritt verlangt werden, weil die Massen alles zerstören. Das ist schockierend. Es geht nicht mehr darum, Venedig zu sehen. Es geht darum, im Social Media zu zeigen, dass ich dort vor Ort war. Das macht mich ganz kirre.

Gab es auch Momente bei der Recherche, in denen du Ohnmacht gespürt hast?
Ich habe mit einem Experten zusammengearbeitet, der früher für die Merkel-Regierung und jetzt für das Pentagon arbeitet. Er konnte mir Insider-Storys über das, was an Cyber-Auseinandersetzungen zwischen Großmächten und Verbrecherorganisationen läuft, erzählen. Da sind einige Sachen zur Sprache gekommen, die ich mir nicht vorstellen konnte.
»Wir leben mit dieser Bedrohung.«
Zum Beispiel?
Nordkorea rekrutiert weltweit online Cyberspezialisten, unter anderem über LinkedIn. Der Staat zahlt hohe Summen dafür, dass diese Experten ein Jahr lang an einem geheimen Ort, vollständig abgeschirmt, Schadsoftware und Angriffswerkzeuge entwickeln und anschließend als wohlhabende Männer zurückkehren.
Mit wirtschaftlichem Fortschritt, technischer Verbesserung oder besserer Kommunikation hat das nichts mehr zu tun. Es geht ausschließlich darum, Angriffe im Cyberspace abzuwehren oder selbst auszuführen. Das ist äußerst beunruhigend.
Erschreckend können auch reale Bedrohungen sein. Du hast nach der Veröffentlichung von »Turmschatten« Drohungen aus der rechten Szene erhalten. Wie hat diese reale Bedrohung deine Sicht auf Sicherheit und Freiheit verändert?
Manche Menschen können mit solchen Bedrohungen leben. Sie blenden sie aus, so wie man sich im Sommer ins Gras legt, obwohl man weiß, dass es Zecken gibt. Das Risiko ist da, aber man entscheidet sich bewusst, es nicht ständig mitzudenken. Für mich war das schon auch ein beklemmendes Gefühl, aber ich konnte die Drohungen besser ausblenden als meine Frau.
Eine Zeit lang saßen wir abends nicht mehr auf der Terrasse, sondern bei heruntergelassenen Jalousien im Haus. Kurz zuvor war der Politiker Walter Lübcke nachts auf seiner Terrasse von einem Neonazi erschossen worden. Dieses Ereignis hat die Bedrohung plötzlich real gemacht und unseren Alltag spürbar verändert.

Du hast dich davon nicht so beeindrucken lassen wie deine Frau?
Nicht zu Hause, aber es gab allerdings eine Situation, in der auch ich verunsichert war. In Halle an der Saale sollte zur Leipziger Buchmesse 2020 eine Lesung stattfinden. Wenige Monate zuvor hatte dort der Anschlag auf die Synagoge stattgefunden – die Türen hielten stand, doch zwei Menschen wurden außerhalb des Gebäudes ermordet, zwei weitere von dem Täter verletzt.
Der Eulenspiegel-Verlag plante, mein Buch in Halle zum Auftakt der Buchmesse vorzustellen. Unbehagen bekam ich erst bei der Vorstellung, nach der Lesung gegen 23 Uhr allein mit der S-Bahn von Halle nach Leipzig zu fahren, um am nächsten Tag auf der Messe zu sein. Diese Bedenken wurden ernst genommen, der Verlag buchte mir dann in der Nähe des Veranstaltungsortes ein Hotel. Am Ende kam es ohnehin nicht dazu: Die Leipziger Buchmesse wurde wegen Corona abgesagt, und damit auch die Lesung.
»Dazu muss es eine Gegenbewegung geben.«
Bestand die Angst nur bei dieser geplanten Lesung im Osten?
Ich wollte nicht mit dem Finger auf den Osten zeigen. Deshalb habe ich in der ersten Fassung von Turmschatten alle Städtenamen rausnehmen lassen. Die wirklich schlimmen Sachen sind ja schon in den 80ern und 90ern passiert mit der Kameradschaft Süd und verschiedenen Organisationen, die in Bayern tätig waren. Mir erschien es total falsch, weil Anschläge im Osten passiert sind, zu sagen: Da drüben im Osten.
Dass ich ausgerechnet in Halle an der Saale ein ungutes Gefühl hatte, hing natürlich auch mit der starken medialen Präsenz nach dem Anschlag zusammen. Heute weiß ich, dass mir das genauso gut in Bayern passieren könnte. Irgendein Verrückter kann überall auftauchen und einem etwas antun. Eigentlich muss ich diese Angst verlieren, denn mit meinen Büchern trete ich zwangsläufig immer wieder gefährlichen Gruppierungen auf die Füße. In »Höllenfeuer« waren es zum Beispiel die Islamisten.
Zum Ärger deiner Frau?
Ja, durchaus. Sie war alles andere als begeistert und meinte: Erst schreibst du über Neonazis, jetzt über Islamisten. Was kommt denn als Nächstes? Reaktionen wie bei »Turmschatten« blieben zum Glück aus.
Was hat diese Situation mit euch gemacht? Habt ihr Konsequenzen daraus gezogen?
Irgendwann ja. Wir sind umgezogen und leben heute mit einer anonymen Adresse.
Du engagierst dich bei Schule ohne Rassismus und bei der Bildungsinitiative German Dream. Was gibt dir Hoffnung, dass sich die Gesellschaft durch Begegnung und Aufklärung tatsächlich verändern lässt?
Einer der wichtigsten Hebel setzt bei der Jugend an. Die Jugend ist beeinflussbar, wie wir jetzt über TikTok und die AfD sehen. Dazu muss es eine Gegenbewegung geben. Einer der Gründe, weshalb ich mit »Turmschatten« oder auch »Höllenfeuer« und »Reset« Spannungsromane schreibe. Diese sind in gewisser Weise in der Breite erfolgreicher und sprechen auch junge Menschen an, die sich für gesellschaftskritische Themen interessieren. Diejenigen, die meine Bücher mögen, sind meistens selbst Botschafter oder haben meinen Auftritt an der Schule beim Geschichtslehrer initiiert.

Ich war an vielen Orten in zahlreichen Gegenden – alles pro bono. Da kann ich etwas bewegen. Vielleicht ist es nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Aber das ist es, was ich gegen diesen Populismus auf der rechten Seite oder egal welchen Populismus tun kann. Dieses Botschaftertum ist wichtig. Gerade bei German Dream und auch bei Schule ohne Rassismus steigen immer mehr Promis mit ein. Fußballer aller Nationalitäten und unterschiedlicher Herkunft. Und ich glaube, dass es notwendige Bewegungen sind, um für unsere Werte zu kämpfen.
»Ich habe in den Albert-Schweitzer-Kinderdörfern sehr viel mehr von den Familien gelernt, als ich dachte.«
Ich höre einen gewissen Stolz raus. Wenn wir vielleicht mal einen Blick in deine Galerie des Stolzes werfen: Was hängen dort für Bilder an der Wand?
Während der Arbeit in der Werbeagentur habe ich nach Herausforderungen gesucht, die etwas mit Menschen zu tun haben und nicht mehr mit Produkten. Über eine Bekannte wurde ich für eine Dokumentation der Albert-Schweitzer-Kinderdörfer anlässlich des 50-jährigen Jubiläums angefragt. Ich habe mir eine Auszeit genommen und zwei Monate lang in so einem Kinderdorf gelebt. Zeitweise war ein kleines Kamerateam vor Ort. Damals gab es noch keine Handys, mit denen man das filmen konnte. Auf diesen Dokumentarfilm bin ich stolz. Das war eine schöne Erfahrung.
Wie kann man sich das Leben dort vorstellen?
Jede Familie hat ein eigenes Haus und mindestens ein eigenes Kind – eine echte Familie. Und da kommen zwei oder drei entweder in der Entwicklung zurückgesetzte oder schwer erziehbare Kinder dazu. Sie lernen darüber das Familienleben und die Einhaltung von Regeln kennen. Das fordert von den Familien und auch von den leiblichen Kindern unglaublich viel. Sie kriegen plötzlich Geschwister an die Seite gesetzt, die sehr viel Aufmerksamkeit brauchen. Konflikte sind vorprogrammiert. Sowohl Vater als auch Mutter sind aber pädagogisch ausgebildet und kriegen auch immer noch jemanden an die Hand.
Solche Begegnungen prägen häufig auch die eigene Sicht auf Familie …
Etwas, das ich dort kennengelernt habe, wurde zu Hause ebenso eingeführt. Nach meiner Rückkehr läutete immer der Gong, wenn das Essen fertig war und alle kommen sollten. Wenn dann alle saßen, ertönte der zweite Gong und dann mussten alle still sein, bis der Laut verstummte. Erst dann durfte sich bewegt und gegessen werden. Das sind kleine pädagogische Trigger, die auch bei uns zu Hause dazu geführt haben, dass das Leben sehr viel harmonischer und ruhiger geworden ist. Ich habe in den Albert-Schweitzer-Kinderdörfern sehr viel mehr von den Familien gelernt, als ich dachte.
Wenn du an die Preise denkst, die du für deine Bücher bekommen hast, hängen die Cover in der Galerie des Stolzes? Oder spielt da ein anderes Gefühl eine Rolle?
Ich glaube: noch nicht. Zum Beispiel der Preis der Heinrich-Böll-Stiftung für »Turmgold« – das ist natürlich etwas Besonderes, darüber freue ich mich wie verrückt. Aber die Mechanismen, nach denen solche Preise vergeben werden, bleiben für mich schwer durchschaubar. Ein Stück Stolz ist da, ja, aber Schreiben ist für mich nichts, wofür ich mich quälen oder aufopfern muss – und ich befinde mich jetzt in dieser sehr privilegierten Lage, jedes Jahr ein Buch schreiben zu dürfen.
Wenn ich das mit anderen vergleiche – etwa Menschen in meinem Dorf, die sich bei der Tafel engagieren – denke ich oft, dass sie solche Anerkennung mindestens genauso verdient hätten.

Es gibt da aber etwas, das mich wirklich stolz macht: Wenn ich im Rahmen von Initiativen wie German Dream oder Schule ohne Rassismus an Schulen Vorträge halte und mich danach eine Lehrerin anspricht und mir später erzählt, dass sie bei den Schülerinnen und Schülern eine Begeisterung gespürt hat, dass etwas angestoßen wurde. Das sind die Momente. Diese Bilder hängen tatsächlich in meiner persönlichen Galerie des Stolzes.
Es sind also dann auch die Leidenschaften am Schreiben und Recherchieren, die dich antreiben – nicht die Preise?
Es sind die Geschichten, über die ich stolpere. Bis jetzt habe ich jedes Mal eine Geschichte gefunden, die mich wirklich fesselte und irgendwas Gesellschaftskritisches hatte, wie auch beim nächsten Buch. Aber jetzt merke ich, dass ich beim übernächsten Buch vielleicht anfangen müsste, mir was aus den Fingern zu saugen, damit die Linie erhalten bleibt.
Deswegen spiele ich auch mit dem Gedanken, danach gar keine Thriller mehr zu schreiben. Ich habe schon eine Geschichte, nur die handelt von einem alten Mann, der über den Friedhof geht und mit den Toten redet. Da kannst du nicht mehr Thriller drunter schreiben.
»Ich habe eine Menge Plots, die weit weg sind von Thrillern.«
Dafür ist der Rechercheaufwand nicht so hoch.
Nein, überhaupt nicht. Das waren Erfahrungen, als mein Vater gestorben ist. Das war eine ganz prekäre familiäre Situation. Mein Vater war ein extremer Patriarch. Wir hatten uns unser ganzes Leben lang zerstritten und auch später keinen Kontakt mehr. Er starb, ohne dass ich mich verabschiedet habe. Dennoch bin ich der Sohn meines Vaters. Erst durch den Tod habe ich erfahren, dass ich doch sehr an ihm hänge. Zu spät.
Bist du der Mann in deiner neuen Buchidee?
Von zu Hause bis zum Friedhof, wo er beerdigt wurde, ist es eine Stunde zu Fuß. Auch Wochen nach der Beerdigung, bin ich zum Friedhof gegangen. Ich war an unzähligen Gräbern, nicht nur an seinem. Dann habe ich mir überlegt, es wäre eine wunderschöne Geschichte, wenn jemand die Sorgen der Toten erfährt. Er kann sie hören, will aber mit niemandem mehr reden. Er hat sich abgeschottet von der Welt. Dann lernt er auf dem Friedhof eine Frau kennen, die auch regelmäßig dort ist. Der Grabgänger. Die Geschichte würde ich gern schreiben. Aber um Gottes Willen, wenn ich das heute irgendeinem Verlag erzählen würde. Sie würden mir wahrscheinlich sagen: Wir bauen dich gerade als Thriller-Autor auf.
Ist das jetzt gerade inoffiziell?
Du darfst das gern schreiben. Ich habe eine Menge Plots, die weit weg sind von Thrillern. Ich habe auch eine Komödie geschrieben. Eine schwarze Komödie über eine Werbeagentur. Die ist auch zu zwei Dritteln fertig. Ich habe sie mal dem Piper Verlag gegeben und die meinten: Um Gottes Willen, bleib bitte bei deinen Thrillern. Du kannst erst über deinen Schatten springen, wenn du eine gewisse Popularität erreicht hast und sie nicht mehr nein sagen können.
»Ohne Susi wäre ich ein totaler Stubenhocker.«
Meine Frau befürchtet, dass ich mich wieder mal übernehme. Deine Worte im Kontext deiner Idee, Musik zu machen. Offensichtlich passt deine Frau gut auf dich auf, oder?

Ja, das mit der Musik ist eine ganz große Leidenschaft von mir. Und es gibt da tatsächlich einen Manager, der eine ganze Menge berühmter Kleinkünstler in Bayern betreut. Er ist ein Fan von meinen Büchern und sagte: Peter, ich würde dich so gerne mit Musik auf die Bühne schicken. Bislang war das mit Martin Kälberer, der Klavier und Synthesizer spielt, geplant. Wir hatten auch schon angefangen, an einem Stoff zu arbeiten, der hieß »Menschen«. Ich stelle Menschen aus meinen Büchern vor, nicht nur als Zitat aus Lesungen, sondern die echten Menschen dahinter. Ich sage immer, dass ich meine Figuren finde und nicht erfinde. Deswegen ist es immer ganz witzig, wenn irgendwelche Rezensenten schreiben: Das ist voller Klischees. Und ich denke mir: Ich kenne diese Person.
Ich weiß sehr gut, was du meinst. Eine Rezensentin hat zu meinem ersten Buch ausführlich beschrieben, wie unrealistisch und überzogen meine Protagonistin ist. Kein Mensch würde sich für die Familie so aufopfern. Ein Schlag ins Gesicht. Ist mein Debüt doch in Teilen autobiografisch.
Aber zurück zu deiner Frau – …
Jetzt ist es halt so, dass ich gesagt habe: Susi, ich mache die Musik selber. Da ist sie natürlich in die Luft gegangen. Der Aufwand ist groß. Ich muss ja Musikstücke einspielen, will die Texte auch singen – so als One-Man-Show. Aber sie hat schon recht. Ich werde mit Sicherheit der erfolgloseste Musiker aller Zeiten. Aber das ist vollkommen egal.

Gut zu wissen, dass jemand auf dich aufpasst, oder?
Ohne Susi wäre ich ein totaler Stubenhocker. Aber meine Frau ist so ein Berggänger. In den vergangenen drei Tagen war ich dreimal hintereinander auf irgendeinem Berg. Ich weiß schon gar nicht mehr, wie sie heißen. Muskelkater ohne Ende. Sie jagt mich halt richtig raus und achtet auf meine gesunde Ernährung. Sie ist diejenige, die darauf achtet, dass ich nicht einfach abrutsche und bloß schreibend im Keller hocke. Ich setze mich dann vor den Bildschirm und verdunkele alles, habe Musik. Da vertiefe ich mich dann in meine düsteren Geschichten. Das wird dann schon zum Tunnel.
»Wir waren ahnungslos.«
Lass uns noch in deine Galerie der Nostalgie blicken. Gibt es da ein Bild, das du mit uns teilen würdest?
Nostalgie ist alles, was mit Star Wars zu tun hat. Ich war dreizehn, als ich Star Wars gesehen habe. Da ist ein riesiges Raumschiff über meinen Kopf hinweggeflogen auf der Jagd nach Prinzessin Lea, und ich war vollkommen fasziniert. Ich bin auch heute ganz unkritisch gegenüber allem, was aus dieser Welt von Star Wars kommt. Rational würde ich sagen: Vollkommen naiv! Aber aufgrund dieser Kindheitserinnerungen ist es immer noch faszinierend.
Jasmin Tabatabai und ich haben uns über Star Wars kennengelernt. Auf einer Preisverleihung in Berlin kommt Jasmin rein, sieht mich und sagt: Der Imperator. Und ich denke mir: Gott, ich versink jetzt im Erdboden. Jeder hatte ja irgendeinen Charakter. Durch die Popularität der Bücher schreiben mir immer mal wieder Leute, und fragen, ob ich der Impi aus dem Star-Wars-Klub bin, mein damaliger Spitzname.
Ihr habt das richtig professionell aufgezogen?
Das war der größte Star-Wars-Klub in Deutschland. Wir haben eine Clubzeitstift gemacht und Merchandising verkauft. Wir haben Geld damit verdient. Man musste Klubbeiträge zahlen und es gab natürlich entsprechende Conventions. Alles zu einer Zeit, in der das noch nicht kommerzialisiert war wie heute. Letztlich haben wir dann bei dem dritten Film Return of the Jedi (1983) eine Einladung bekommen. Bereits beim zweiten Film war es so, dass uns die 20th Century Fox in Deutschland eine eigene Kinopremiere ermöglichte – einen Tag vor der offiziellen Kinopremiere. Alle Fans sind mit Kostümen gekommen. Heute würden wir wahrscheinlich Cosplayer sagen.

Was ist aus der Einladung geworden?
Wir haben eine von Lucas Limited in London bekommen und dachten: Jetzt haben wir es geschafft – offiziell anerkannt. Man hat uns die Flüge bezahlt. Wir wurden bei Lucas Limited empfangen und dann saßen zwei Anwälte am Tisch. Sie haben gesagt: Ihr habt jetzt sechs Jahre lang mit unserem Namen und unserer Marke viel Geld verdient, eine Club-Zeitung hergestellt, T-Shirts und so weiter. Wir waren ahnungslos. Ich war damals siebzehn Jahre. Sie haben unsere Konten und Mitgliedslisten einkassiert und angeboten, dass wir unsere Jobs weiter ausüben können. Viele sind dabeigeblieben. Aber wir, als Leitungsteam, haben den Star-Wars-Club verlassen. Wenigstens gab es keine anwaltlichen Auseinandersetzungen.
Pure Nostalgie.
Dort haben wir Dave Prowse getroffen. Auch unter den Umständen schön. [Hält inne.] Wir waren dann schon gut vernetzt mit dieser ganzen Star-Wars-Szene. Immerhin ist das heute der offizielle Star-Wars-Fan-Club Deutschland. Es wurde ein eigener Verlag gegründet. Sie haben auch eine Anthologie herausgebracht, wie das Ganze in Deutschland entstanden ist. Dazu haben wir auch ein langes Interview geführt. Dennoch passt das schlecht zusammen: So ein Star-Wars-Fan und dann jemand, der sich heute gesellschaftskritischen Themen widmet. Aber das gehört trotzdem zu mir.
»Ich bin einfach ein bodenloser Romantiker.«
Es ist wohl dieses Nischendenken. Man muss irgendwie greifbar sein für eine Nische.
Ja genau. Finde ich manchmal ein bisschen schade. So bin ich auch zum Schreiben gekommen, weil die ersten Romane, die ich geschrieben habe, waren Fanfiction für diese, unsere Zeitung hieß Skyhopper und da war so eine Fortsetzungsgeschichte. Und die habe ich da halt erfunden und habe meine ersten Kurzgeschichten geschrieben. Aber das waren alles Fanfiction-Stories.
Welches Bild möchtest du selbst in der Galerie deines Lebens sehen? Das Bild des unbeirrbaren Mahners, des rastlosen Kreativen oder vielleicht ein ganz anderes?
Ich würde mich gerne mit der gesamten Familie sehen. Tatsächlich alle, auch Tanten, Onkels, Großeltern, Urgroßeltern. Ein riesiges Familienbild, das hätte ich gerne. Irgendwo am Rand stehe ich. Das gibt mir schon sehr viel. Auch wenn an Weihnachten immer alle kommen. Deswegen hat es mich so tief getroffen, dass das mit meinem Vater so in die Hosen gegangen ist.
Glaubst du, dass du mit deiner Buchidee etwas heilen kannst?
Das ist schon geheilt. Jetzt kommt noch eine romantische Vorstellung obendrauf. Die Geschichte hat ja gar nichts mit meinem Vater zu tun. Sondern es ist ja eher meine Geschichte. Jemand, der mit Toten redet. Oder dem von Toten etwas abverlangt wird. Er muss etwas tun, kann es aber in der normalen Welt nicht erklären.
Würde in der eher spirituellen Szene sicher gut funktionieren. Das ist dann eine neue Nische.
Ja, genau. Mir geht es aber eher darum, dass er, weil er über Jahrzehnte hinweg versucht zum Beispiel Nachrichten zu überbringen, dabei aber so viele schlechte Erfahrungen gemacht hat, er zum Einsiedler wird und sich verschließt. Gleichzeitig lernt er aber die Frau kennen, von der ich vorhin sprach. Ich bin einfach ein bodenloser Romantiker. Es geht um eine Liebesgeschichte. Ich werde das schon machen.

