Manche Interviews begleiten mich noch lange, nachdem das Aufnahmegerät ausgeschaltet ist. Mit Anika Bull, Gründerin von Emotionsbewegung, treffe ich mich an diesem Morgen in einem Café in Rostock. Während ich mitten in einer Fastenwoche stecke und versuche, den Duft frisch gebackener Pancakes möglichst zu ignorieren, gönnt Anika sich ganz bewusst genau dieses Frühstück. Auch, weil am nächsten Tag eine Untersuchung bevorsteht.
Vielleicht beginnt genau dort schon dieses Interview. Bei der Frage, wie gut wir eigentlich noch spüren, was wir brauchen. Zwischen Kaffeeduft, Frühstückstellern und dem leisen Stimmengewirr anderer Gäste sprechen wir über Gefühle. Über Wut. Angst. Trauer. Kontrolle. Und darüber, warum viele Menschen verlernt haben, sich selbst wirklich wahrzunehmen.
Selten hatte ich während eines Gesprächs für »Die Galerie deines Lebens« so viele Aha-Momente. Vielleicht, weil Anika nicht über Emotionen spricht wie über ein Konzept. Sondern wie über etwas, das durch den Körper geht. Durch Beziehungen und Verlust. Und durch das echte Leben. Immer wieder entstehen in diesem Interview Momente, in denen ich merke: Wir wollen Gefühle häufig möglichst schnell beruhigen, lösen oder regulieren, ohne sie vorher überhaupt gespürt zu haben.
»Bevor ich irgendwas regulieren kann, muss ich erstmal wahrnehmen und spüren können.«
Wir regulieren Gefühle kaputt, statt sie wahrzunehmen. Wir sprechen über Emotionsregulation, Atemtechniken, Strategien, Tools. Aber was, wenn Regulation nur ein modernes Wegdrücken ist? Was stimmt an dieser These und wo ist sie gefährlich verkürzt?

Das Fundament der emotionalen Kompetenz ist Selbstwahrnehmung. Wenn ich zum Beispiel in den Schulen oder Kitas unterwegs bin und mir ein Lehrer oder eine Erzieherin ganz stolz erzählt, dass sie in den vergangenen zwei Wochen ein Gefühlsprojekt hatten, bei dem sie den Kindern gezeigt haben, wie sie gut mit Gefühlen umgehen können, dann ist das aufmerksam. Nur für mich immer nicht komplex genug gedacht, denn bevor die Kinder überhaupt irgendwas anwenden können, wenn sie wütend oder traurig sind, müssen sie erstmal wahrnehmen, wie sich das überhaupt anfühlt. Ganz besonders bei Kindern fällt mir auf, dass, wenn wir sie fragen: Wie geht es dir? – die meisten Kinder nicht antworten können. Sie sagen dann: Normal, doof oder gut. Keine dieser Antworten ist ein Gefühl. Das sind lediglich Bewertungen. Und insofern haben die meisten einfach gar keine Vorstellung mehr, wie es sich überhaupt anfühlt.
Können Erwachsene das besser?
Bei Erwachsenen würde ich das zweiseitig betrachten, weil nicht jeder Erwachsene jedem erzählt, wie es ihm wirklich geht. Und trotzdem ist für alle wichtig zu wissen, dass unser Körper immer einhergeht mit unseren Emotionen und wir damit erstmal wahrnehmen dürfen: Was macht es denn mit meinem Körper? Wann merke ich, dass Hitze in mir aufsteigt? Wann merke ich, dass mein Herzschlag sich erhöht oder meine Atmung schneller wird? Das ist für mich grundlegend. Bevor ich irgendwas regulieren kann, muss ich erstmal wahrnehmen und spüren können.
»Das Wichtige ist, es nicht komplett zu verdrängen.«
Gab es in deinem Leben mal einen Moment, in dem du gemerkt hast: Ich rede jetzt zwar über Gefühle, kann sie selbst jedoch gerade nicht wahrnehmen?
Ja, ich hatte einige herausfordernde Situationen in meinem Leben. Es ist auch noch gar nicht so lange her. Einerseits musste ich für meine Selbstständigkeit funktionieren, im Sinne von: Wenn du jetzt nicht arbeiten gehst, hast du kein Geld. Andererseits hatte ich mehrere Fehlgeburten. Das war ein Moment, in dem ich mich bei präventiven Veranstaltungen, um Kinder in ihren Emotionen zu stärken, gefragt habe: Was mache ich hier eigentlich gerade? Ich bin so traurig, will eigentlich am liebsten nur in der Ecke sitzen und weinen.
Das war auch die Zeit, in der ich mich in den Trauergruppen am allerwohlsten gefühlt habe. Das war so eine gute Energie. Da habe ich genau gefühlt, dass ich hier und heute genau richtig bin. Mir war natürlich bewusst, dass ich einen Auftrag im Rahmen dieser Trauergruppen habe und es ungünstig ist, beides zu vermischen. Aber das Schöne ist: Ich nehme es wahr. Ich spüre das und reguliere insofern, als dass ich meine Trauer in gewisser Hinsicht schieben muss. Es geht ja nicht, dass ich mir jetzt auf Knopfdruck erlaube, mich meinen Gefühlen hinzugeben.
Also besser verdrängen?
Eher aufschieben. Das Wichtige ist, es nicht komplett zu verdrängen. Ich weiß: Okay, da ist ganz viel in mir. Es ist jetzt nicht der Raum, aber ich nehme ihn mir und sitze dann zum Beispiel am Abend mit meinem Mann auf der Couch. Erzähle. Weine. Gebe mich genau diesem Gefühl hin und spüre dann auch wieder diese absolute Hilflosigkeit und Ohnmacht. Das haut einen manchmal weg. Aber auf der anderen Seite bin ich unwahrscheinlich dankbar, dass ich diesen Zugang habe. In solchen zweischneidigen Momenten merke ich: Boah, eigentlich ist mir gerade nach was ganz Anderem. Das hilft mir dann in dem Moment, weil ich es einfach an einer anderen Stelle wieder rauslassen kann. Und das beruhigt mich ungemein. Ich frage mich häufig: Wie kriegen das die Menschen hin, die ihr ganzes Leben lang flüchten? Sich ablenken, konsumieren und verdrängen? Ich würde zugrunde gehen.
Du erwähntest Trauer und Hilflosigkeit. Gibt es weitere Gefühle, die du mit den Fehlgeburten verbindest?
Ohnmacht auf jeden Fall. Teilweise auch Verzweiflung. Es war auch aufgrund meines Alters nicht leicht, sich einzugestehen, dass es so viel mehr an Lebensthemen beinhaltet. Du bist eben nicht mehr die Jüngste. Ich finde das so krass, in der Arbeit mit Kindern sprechen wir ja immer von Entwicklungsaufgaben. Die haben wir als Erwachsene auch bis zum Tod. Es ist faszinierend und beängstigend zugleich, wie sich die Gefühle bezogen auf die eigenen Lebensaufgaben zeigen.
Auch körperlich? Inwiefern?
Definitiv. Bei mir zeigt es sich im Herzbereich. Da habe ich so ein schweres Gefühl, als wenn alles draufdrückt. Ich bemerke es in meinem Hals, wenn alles eng wird, ich kaum schlucken kann. Wie so ein typischer Kloß im Hals einfach. Und in meinem Kopf fühlt es sich an wie so ein Nebel. Als würde ich nicht mehr richtig denken können. Das nehme ich stark wahr.
»Das ist es, was mir gerade passiert ist.«
Ich habe herausgehört, dass die Trauergruppen in der schweren Zeit wie eine Art Anker für dich waren?

Ja, ich habe einfach gespürt, dass das hier genau die richtige Atmosphäre für mich war. Ich habe meine Trauer nicht gezeigt, weil ich trotz allem in einer professionellen Rolle war. Aber es war ein Ort, an dem meine eigene Trauer in der richtigen Atmosphäre war. Das war so, als ob mein Herz gesagt hätte: Hier fühle ich mich wohl. Das erinnert mich immer so ein bisschen an ein Buch „Ein Ort für meine Traurigkeit“ von Anne Booth, mit dem ich gerne mit Kindern arbeite.
Ein schönes Buch auch für Erwachsene …
Ja. Sowas brauchen auch wir Erwachsene. In den Trauergruppen ist ja nicht nur die Trauer präsent. Da ist so viel Mut im Raum, wenn Menschen sich mit ihrer größten Verletzung anderen fremden Menschen anvertrauen und mit offenem Herzen kommen, um über das zu sprechen, was sie am meisten bewegt. Ohne Schutzpanzer. Mich beeindruckt dieser Mut und das gibt mir dann in solchen Momenten, wie vor einem Jahr, Hoffnung, dass es weitergeht. Es geht trotzdem weiter und du darfst hinschauen, was du aus der Situation machst.
Da steckt also neben Trauer und Mut auch Zuversicht drin?
In jedem Fall. Aber auch nur, wenn wir vertrauen und eben nicht flüchten, weil wir Angst haben, was da sein wird, wenn sich dieses große Loch im Erdboden auftut. Da kriege ich gerade Gänsehaut. Denn es ist eben nicht nur dieses große, schwere Loch, sondern das ist ja mein Leben, und davor kann ich nicht weglaufen. Das ist es, was mir gerade passiert ist. Und das Leben geht weiter. Nicht nur, weil die Sonne wieder aufgeht und der Mond am Himmel steht, sondern auch mein Leben, mit all den Themen. Hier wieder zu vertrauen, dass die Gefühle, die sich gerade zeigen, mir helfen, ist unfassbar wichtig.
»Dieses Freiheitsgefühl hat sie geliebt.«
Welche Rolle hat Kontrolle in deinem eigenen Werdegang gespielt?

Kontrolle ist ein großes Thema. Damit habe ich mich während der Erfahrungen vor einem Jahr intensiv auseinandersetzen müssen, weil ich dort absolute Kontrolllosigkeit erlebt habe. Ich spürte, dass sich der Wunsch nach Kontrolle auf anderer Ebene dafür umso mehr zeigte. Denn ich hatte ganz doll Angst, meinen Partner zu verlieren oder davor, dass meinem Kind etwas zustößt. Deswegen wusste ich auch, dass ich gar nicht darum herumkomme, mich genauer damit auseinanderzusetzen. Ansonsten hätten sich tausend andere Baustellen in meinem Leben geöffnet.
Manchmal gaukelt uns das Leben auch nur Kontrolle vor …
Ja, absolut. Dann erkennen wir, dass es eher darum geht, Hilfestellung zu geben. Gerade wenn es um andere Menschen und nicht um uns selbst geht. Meine Tochter ist in der vierten Klasse. Schon seit der ersten Klasse ist sie selbstständig, fuhr immer mal allein mit der Straßenbahn oder dem Bus nach Hause. Dieses Freiheitsgefühl hat sie geliebt. Allein nochmal in die Stadt oder die Bibliothek zu gehen oder ein Eis zu essen. Irgendwann hatte sie eine doofe Erfahrung in der Straßenbahn. Ein betrunkener Mann drohte ihr, sie brauche ihre Sachen gar nicht festzuhalten. Er würde ihr alles wegnehmen, egal was sie sagt oder tut. Als die Straßenbahn anhielt, ist sie um ihr Leben gerannt.
Seitdem konnte sie nicht mehr Straßenbahn fahren. Sie war überzeugt, das nie wieder zu können. Sie hat es auf alles übertragen. Wenn uns irgendwas passiert und wir bemerken, dass wir keine Kontrolle mehr haben und wir nicht wissen, wie es ausgeht, dann ist das Gehirn in einem Alarmzustand, der ernst genommen werden muss.
»Unser Gehirn glaubt, alles, was wir denken, ist die Wahrheit.«
Den Alarmzustand zu ignorieren, damit sich das Gehirn beruhigt, ist keine Lösung?
Nein, wir dürfen nicht wegschauen. Wir wollten es dann irgendwann wieder probieren. Doch schon drei Tage, bevor sie mit der Straßenbahn fahren sollte, lag sie bis Mitternacht im Bett und weinte. Sie konnte sich nicht vorstellen, wie das funktionieren kann. Für mich war in diesem Moment klar, wie wichtig es ist, mit genau diesen Emotionen jetzt zu arbeiten.
Wie hast du die Situation begleitet?

Mir war wichtig, dass sie sich selbst wieder wahrnimmt. Damit sie bemerkt, dass, wenn sie zum Beispiel abends um halb zwölf im Bett liegt und weint, sich nicht vorstellen kann, wieder Straßenbahn zu fahren, spürt: Okay, das ist meine Angst und die will ich auch gar nicht loswerden. Sie will mich ja schützen. Aber in diesem Moment: Wo bin ich denn jetzt gerade? Unser Gehirn glaubt, alles, was wir denken, ist die Wahrheit. Jetzt gerade bin ich aber im Bett. In meinem Zuhause. Ich bin absolut sicher. Also darf ich der Angst, dieser Kontrolle, die da so wütet, sagen: Schön, dass du da bist, und danke, dass du mich schützen willst. Aber jetzt gerade bin ich vollkommen sicher.
Wichtig ist, zu lernen, sich nicht von der Angst kontrollieren zu lassen, sondern zu verstehen, dass man selbst die Zügel in der Hand hat. Jedoch nicht im Sinne von: Du gehörst nicht zu mir. Sondern eher: Komm, wir schauen gemeinsam, was wir daraus ziehen können. Denn in ganz vielen Momenten ist es ja gut, dass du da bist. Deshalb will ich dich ja gar nicht ignorieren.
Häufig höre ich, dass Menschen andere dazu auffordern, sich nicht so zu haben. Schließlich ginge es anderen Menschen oftmals noch schlimmer. Hilft das?
Nein. Das hilft in dem Moment gar nicht weiter, weil ich mich dann nicht gesehen und ernst genommen fühle. Ich vergleiche das gern mit einem brennenden Haus. Da frage ich ja auch nicht als Erstes: Wie ist das passiert? Ich lösche erstmal den Brand. Das ist der allererste Schritt. Was nicht bedeutet, dass alle anderen Schritte zu einem späteren Zeitpunkt sein dürfen. Wir müssen miteinander ins Gespräch kommen und uns dabei wohlfühlen. Gerade im Zwischenmenschlichen. Aber in diesem Moment muss ich immer unterscheiden: Wer ist gerade in Not und wer nicht? Und dann darf ich auch aushalten, dass ich mich gerade zurückhalte.
Schön, wenn man dann jemanden an seiner Seite hat, der das gleichermaßen kann …
Mein Mann hat unwahrscheinlich viel von meiner Emotionskultur gelernt. Wenn ich mit, nennen wir es mal, Befindlichkeiten um die Ecke komme, in denen für mich ganz viel Gefühl drin ist, begegnet er mir häufig mit dem Satz: Das fühlt sich gerade bestimmt richtig doof für dich an. Und das hilft schon.
»Dann wäre ich der Käfer, der auf dem Rücken liegt und nicht mehr hochkommt.«
Lass uns gern noch in die Galerie der Wut schauen. Gerade bei Kindern ein Gefühl, das mit am schnellsten von außen reguliert werden möchte. Was passiert, wenn dies zu früh geschieht?
Bei der Wut gibt es einiges zu beachten. Ich habe mich intensiv mit der Hirnforschung auseinandergesetzt. Wenn wir uns eine Skala von eins bis zehn vorstellen. Eins ist entspannt und zehn der totale Stress. Das Gehirn ist ab einer Zahl von sieben so sehr im Stress, dass der Verstand aussetzt. Bei Wut passiert das schnell. Uns muss bewusst sein, dass wir auch da nicht den zweiten Schritt vor dem ersten machen können. Spannend ist, dass es eben nicht nur bei Kindern, sondern auch bei Erwachsenen so ist.
Was ist der erste Schritt?
Wir sollten uns bewusst werden, dass es im ersten Schritt nach dieser Impulshandlung darum geht, dass das Gehirn wieder eingeschaltet wird. Nur so kann ich in Verbindung gehen, damit das Kind mich überhaupt wieder versteht. Und wie gesagt, es geht ja nicht nur Kindern so. Im Übrigen ist es dann auch egal, ob jemand hochstudiert ist, mit einem Doktortitel, wo man denken könnte, der hat ja was mit Bildung zu tun. Eben nicht. Wenn unser Gehirn in Stresssituationen im Alarmzustand ist, dann funktionieren wir alle nach dem gleichen Prinzip.
Du bist die Gründerin von Emotionsbewegung. Welche Bilder oder konkreten Erfahrungen aus deiner Arbeit zeigen dir, wofür Wut eigentlich da ist?
Wut ist eine wichtige Emotion. Sie ist die einzige in unserem Leben, die mir hilft, für mich einzustehen. Wenn wir in entsprechenden Situationen mit Traurigkeit reagieren, dann würden wir uns zum Opfer machen. Weil wir uns zurückziehen, resignieren und sagen: Ich kann sowieso nichts tun. Dann wäre ich der Käfer, der auf dem Rücken liegt und nicht mehr hochkommt.
Wut ist eine Energie, die hilft, zu sagen: Irgendwas ist da in meinem Außen, womit ich absolut nicht einverstanden bin. Erwachsene dürfen wieder lernen, diese Wutkraft einzusetzen. Gerade Frauen haben durch die Sozialisation gelernt: Mädchen dürfen nicht wütend sein. Im Gegenteil. Es ist so wichtig, dass man Dinge anspricht. Sicher stellt sich dabei immer auch die Frage: Wie kann ich mit der Wut umgehen? Aber das darf man ja lernen. Dafür brauchen wir aber einfühlsame Erwachsene, die die Kinder an die Hand nehmen. Die es aushalten. Die Kinder eben nicht rausschicken und sagen: Jetzt beruhig dich mal wieder, und dann kannst du wieder reinkommen. Sie wissen ja gar nicht, wie sie sich beruhigen können.
Wie reagieren die Lehrkräfte, wenn du erklärst, dass Wut richtig ist?
In meinen Fortbildungen erlebe ich häufig, dass Erwachsene begeistert sind von dieser Sicht der Dinge. Weil sie lernen, wie spannend es ist, seine Emotionen wieder ins Leben einzuladen. Viele haben gelernt: Das ist was Schlechtes, das möchten wir rasch wieder loswerden.
Was hat es denn auch Positives an sich?
Wie immer gibt es zwei Seiten an der Medaille. Ich empfinde es als sehr spannend, dass Menschen sich für andere Sichtweisen öffnen. Es geht ja gar nicht darum, irgendwas perfekt zu machen, sondern sich hinzusetzen. Wahrzunehmen. Auszuhalten. Eine andere Perspektive zuzulassen. Das eröffnet so viele Möglichkeiten. Wir müssen noch gar nicht bis zu Ende denken. Gerade im Bereich Schule und Kita, wo es immer um Bildung geht, erlebe ich häufig, dass es ja irgendein Ergebnis geben muss.
»Auf mein Herz zu hören und zu wissen, es gibt keine andere Option, war unheimlich mutig.«
Der Weg ist das Ziel?

Ja, es geht um den Prozess. Zunächst darf ich mir eingestehen, und das hat was mit Haltung zu tun, dass Wut per se nicht schlecht ist. Sondern: Wow, das ist aber ein spannender Gedanke, dass Wut mir hilft, für mich einzustehen. Das heißt, es geht nicht um die Kinder, sondern das kann ich ja dann auch für mein eigenes Leben verwenden. Viele stellen direkt die Frage: Wie soll das dann funktionieren? Und dann sage ich: Okay, Stopp! Wir nehmen mal wieder Wind raus, denn darum geht es gerade noch gar nicht. Wir wollen immer sofort eine Lösung für alles haben. Wir halten es gar nicht aus. Es ist ein Prozess. Erstmal müssen wir uns im Herzen fühlen. Damit kann ich dann weiterarbeiten. Sonst komme ich gleich wieder in so eine Ohnmacht, wenn mein Gehirn wieder in Stress gerät.
Es erfordert auch Mut, einen solchen Perspektivwechsel zuzulassen. Lass uns mal einen Blick in deine Galerie des Muts werfen. Wann warst du mal so richtig mutig?
Es erforderte viel Mut, als ich vor viereinhalb Jahren vor der Entscheidung stand, mich selbstständig zu machen, und alle meine Freunde gesagt haben: Anika, lass dich irgendwo zwanzig Stunden anstellen, damit du noch eine gewisse Sicherheit hast. Mein Herz hat gesagt: Auf gar keinen Fall. Ich will hundert Prozent in dieses Projekt reinstecken. Hundert Prozent Herzblut und Leidenschaft. Ansonsten kann ich das bleiben lassen. Auf mein Herz zu hören und zu wissen, es gibt keine andere Option, war unheimlich mutig. Und ich habe es durchgezogen.
Hast du es mal bereut?
Wenn ich heute nach viereinhalb Jahren darauf zurückblicke, würde ich meiner jüngeren Version sagen: Wow. Danke, dass du darauf vertraut hast und so mutig warst in deinem Leben. Gar nicht, weil es gut gegangen ist, sondern ich mich trotz der Option, scheitern zu dürfen, für keinen anderen Weg entschieden zu haben.
»Davon träume ich schon viele Jahre.«
Gab es einen Moment, in dem du das Gefühl hattest, jetzt stehe ich kurz vorm Scheitern?
Auf jeden Fall. Es gab zwei Tiefpunkte. Einen, als es zum Beispiel darum ging, zum ersten Mal krankgeschrieben zu sein. Das war am Anfang, als meine Förderung auslief und ich wirklich nicht arbeiten konnte. Das war so ein Moment, in dem ich gedacht habe: Wie bescheuert bist du eigentlich? Was machst du hier? Lass dich bloß wieder anstellen. Mein Mann hat dann aber gesagt: Wo ist denn deine Kämpfernatur? Du lässt dich wohl nicht gleich aus der Bahn werfen. Jetzt guck mal bitte, was du alles geschafft hast. Wenn ich selbst mal keine Kraft habe, dann braucht es diesen Menschen, der mich mit meinen Emotionen auffängt und nicht sagt: Na, guck doch mal auf den, der hat es doch auch geschafft. Das würde mich gar nicht erreichen. Sondern: Hey, ich sehe dich. Aber schau doch mal auf dich zurück. Was hast du denn schon geschafft und was hast du für Ressourcen in dir drin? Glaub an deine eigene Kraft. Diese Worte sind ermutigend und so bestärkend. Und das braucht es halt auch. Du brauchst Menschen an deiner Seite, die dich auch in tiefen Momenten wieder auffangen und bei dir sind.
Toller Mann. Ich würde gern mit dir über deine Vision sprechen. Emotionsbewegung ist jetzt viereinhalb Jahre alt. Und am Anfang hattest du wahrscheinlich eine Vision, was du erreichen möchtest. Wie hat sich diese Vision entwickelt und welche Zukunftsaussichten hast du?

Mein ursprünglicher Gedanke war, dass ich es nicht ausgehalten habe, wenn Kinder mit Verlusterfahrung nicht gut begleitet werden. Das zu ändern, dafür bin ich losgegangen. Hier in Rostock hat sich die Trauerarbeit richtig gut etabliert. Es sind so viele Gruppen daraus entstanden und ich habe großartige Kooperationspartner, die an mich geglaubt haben und mit mir gemeinsam in die Umsetzung gehen. Das hätte ich niemals alleine schaffen können. Da denke ich zum Beispiel an die Zusammenarbeit mit dem Kinderhospizdienst oder auch mit dem Jugendamt. Da bin ich unwahrscheinlich dankbar, dass das alles gewachsen ist und ich auch aufgrund meiner Hartnäckigkeit diesen Menschen immer wieder eine Stimme gegeben und weitergekämpft habe. Zum Beispiel, dass Einzelbegleitungen bei Kindern eben nicht privat getragen, sondern über das Jugendamt finanziert werden. Das ist jetzt seit einem Jahr so. Ein riesiger Meilenstein.
Darauf kannst du auch stolz sein, oder?
Ja. Außerdem wächst meine Vision auch mit meinem Podcast „LichtBlicke in der Dunkelheit“. Übrigens auch wieder ein Impuls meines Mannes mit dem Gedanken, Kindern eine Stimme zu geben und einen wertvollen Beitrag für die Welt zu leisten. Zu meiner Vision gehört auch, ein Kompetenzzentrum zu eröffnen. Davon träume ich schon viele Jahre. Dass es dort ein multiprofessionelles Team gibt, wo niedrigschwellig ganz viele Angebote für Menschen, egal welchen Alters, vorhanden sind. Ich habe dieses Bild im Kopf, dass Eltern gestresst sind, wenn sie nachmittags ihre Kinder zu Freizeitangeboten fahren. In meinem Zentrum für ENT-wicklung, das voraussichtlich ab Juli 2026 öffnen wird, gehe ich nun mutig den nächsten Schritt in meinem Leben.
»Da werden Kinder komplett ausgeschlossen.«
Du hast gesagt, am Anfang deiner Vision stand, dass du Kinder in Trauerprozessen stark machen möchtest, weil du es nicht ausgehalten hast, dass sie damit nicht umgehen können. Gab es ein konkretes Beispiel, an dem sich dieser Wunsch herauskristallisiert hat?
Kein konkretes. Aber häufig ist das Problem, dass Kinder nicht involviert werden. Ihnen wird dann erzählt: Der und der ist verstorben. Die meisten Kinder gehen danach gleich wieder in den Kindergarten oder in die Schule. Nach dem Motto: Ich habe es dir jetzt erzählt. Guck mal, ich gehe jetzt auch zu meiner Arbeit und lenke mich ab. Das ist eine Strategie. Kinder kennen dieses Konzept, dass jemand aus meinem näheren Umfeld versterben kann, noch nicht. Wenn Kinder ein gewisses Alter erreicht haben, dann wissen sie schon vom Tod, aber häufig haben sie die Vorstellung: Das passiert nur alten Menschen und sowieso niemandem aus meiner Familie. Wenn es dann passiert, wird ihnen der Boden unter den Füßen weggerissen. Und sie werden nicht involviert, sodass sie mit dem, was an Emotionen da ist, nicht aus dieser Ohnmacht in die Handlungsfähigkeit kommen können.
Wie kann das besser ablaufen?
Wie man das eben normal im Trauerprozess auch mit Erwachsenen macht. Dass man die Beerdigung vorbereitet. Dass man den Verstorbenen nochmal sehen kann. Dass man sich verabschieden, und etwas für denjenigen mitgeben kann. Da werden Kinder komplett ausgeschlossen. Da darf noch mehr Aufklärungsarbeit passieren, dass Kinder eben einbezogen werden. Dass dies zur Normalität wird.
Ich finde es total in Ordnung, wenn Erwachsene den Verstorbenen nicht mehr sehen wollen. Das darf jeder für sich entscheiden. Aber ich kann nicht verstehen, wenn das für ein Kind entschieden wird. Mein Kind darf selbst entscheiden, ob es den Verstorbenen nochmal sehen möchte. Ich habe einige Kinder beim Abschied am offenen Sarg begleitet. Für kein Kind war es eine Horrorvorstellung. Alle Kinder waren so froh. Es ist eher so, dass sie, wenn sie es nicht durften, traurig darüber waren, weil sie ihn so gerne nochmal gesehen hätten, um es auch zu begreifen.
Was bedeutet das denn, dass der tot ist?
Genau, wenn ich mir jetzt vorstelle, ich habe nur die Information und danach sehe ich die Person nie wieder, dann frage ich mich doch: Wo ist der denn? Was passiert denn mit dem Körper? Der kann ja nicht einfach von der Welt weg sein. Da fehlen so viele Schritte an Information. Indem ich Kinder involviere, begreifen sie das. Der Körper ist ganz kalt. Die Person atmet nicht mehr. Sie isst nicht mehr. Schaut und spricht nicht mehr. Es geht auch hier wieder ums Aushalten. Es ist schwer für uns.
Aber für die Kinder ist es schwer auszuhalten, wie traurig das ganze Familiensystem ist. Und für sie ist kein Raum, um das irgendwie loszuwerden. Kinder kommen jedoch durch die ganze Traurigkeit in der Familie gar nicht auf die Idee, die Eltern noch trauriger machen zu wollen. Also bleiben sie mit sich allein und haben dann hoffentlich das Glück, dass in der Schule oder im Kindergarten jemand sensibel ist, und darüber Bescheid weiß. Viele sagen es ja auch gar nicht. Dabei wäre es wichtig, dort jemanden zu finden, der nicht emotional verwickelt ist und eine Form der Begleitung und Raum anbieten kann. Aber manchmal gibt es den eben nicht. Und das kann schon sehr fatal sein.
»Ich fühle mich gerade verloren, aber ich bin ja nicht verloren. Es ist nur ein Gefühl.«

Wenn jemand heute am Eingang seiner eigenen Gefühlsgalerie steht und fragt: Soll ich mein Gefühl eher regulieren oder ihm zuhören? Welche Frage sollte sich diese Person als allererstes stellen?
Als Allererstes würde ich mir die Frage stellen: Wie fühlt sich das gerade an? Und das beantwortet auch schon, dass ich nicht gleich in die Regulation gehe, sondern dass ich erstmal spüre: Wie fühle ich das gerade? Wie groß fühlt sich das an? Häufig kann ich mich selbst gar nicht aushalten. Deswegen versuche ich, in die Regulierung zu gehen. Das kann etwas Positives sein im Sinne von: Ich habe gute Strategien. Aber dennoch müssen wir uns kurz diesen Moment des Innehaltens nehmen, um zu spüren, wie es sich anfühlt. Inwieweit kann ich es noch ein Stück weit aushalten? Solche Erfahrungen bringen mich an meine inneren, wunden Punkte, die ich gar nicht sehen würde, wenn ich sofort weglaufe oder eben reguliere.
Und dazu neigen viele Menschen ja eher …
Das bemerke ich häufig in Fortbildungen für Fachkräfte. Wenn wir darüber sprechen: Ein Kind macht irgendwas und diese Handlung macht etwas mit mir. Ich werde wütend. Das ist so ein Punkt, an dem ich immer wieder sage: Legt doch symbolisch eure Hand auf das Herz. Somit bleibt ihr bei euch. Es ist ja gerade mein ausgelöstes Gefühl, weil irgendwas im Außen passiert. Dafür kann ich nicht das Kind verantwortlich machen. Oder irgendwen auch immer. Am Ende stellt sich die Frage: Was brauche ich gerade, damit ich mich aushalten kann? Ohne gleich in die Regulierung zu gehen. Da entsteht so ein wertvoller Zwischenraum. Ich finde es unwahrscheinlich heilsam, wenn ich mich in meiner Hilflosigkeit oder in meiner Verzweiflung, in meiner Ohnmacht spüre.
Was ist der Vorteil daran?
Dass ich weiß, ich fühle mich gerade verloren, aber ich bin ja nicht verloren. Es ist nur ein Gefühl. Wir haben eine solche Angst vor diesem Gefühl, weil es sich so übermächtig anfühlt. Aber es passiert ja nichts. Ich stehe trotzdem noch auf dem Boden. Der hält mich. Ich finde, es ist eine unwahrscheinlich wertvolle Erfahrung, das mal mit mir selbst auszuhalten. Das ist, was mich in der Trauerarbeit so authentisch sein lässt, weil ich einfach genau spüren kann, wie verzweifelt man sein kann, dass man nicht weiß, wie der nächste Tag werden soll. Dass es kein Du-musst-stark-sein-für-deine-Kinder braucht. Nein, ich muss gar nichts. Ich bin verzweifelt und es ist total okay. Es fühlt sich genauso gerade an, und genau das darf da sein.

