»Ich glaub’s ja nicht«, begrüße ich Silvio Römer in einem Berliner Café. »So sollte es wohl sein«, gibt er zurück und umarmt mich. Und in diesem Moment klingt es nicht wie eine Floskel.
Fast drei Jahre haben wir gebraucht, um dieses Interview zu führen. Heute weiß ich: Manche Gespräche brauchen Zeit. Weil sich Fragen verändern. Und weil das Leben dazwischen Dinge tut, die man nicht planen kann.
Silvio ist spät Musicaldarsteller geworden. Und doch wirkt er auf der Bühne, als hätte er nie etwas anderes getan: Präsenz. Energie. Gefühl. Eine Palette, die weit tragen kann. Umso mehr hat mich seine für 2025 angekündigte Pause aufhorchen lassen. Nicht als Ausstieg, sondern als Stoppschild. Ein Moment, in dem nicht der Spielplan entschied, sondern sein Körper.
In »Die Galerie deines Lebens« sprechen wir über leise Warnsignale und laute Gedanken, über Ehrlichkeit, die schmerzt – und über den Mut, sich trotz Leidenschaft eine Pause zu gönnen.
Bevor wir in all das eintauchen, bringe ich eine Frage mit, die mein jüngster Sohn mir zwischen Hausaufgaben und Hausarbeit gestellt hat: »Mama, wie wäre unsere Welt, wenn alle Gedanken laut wären?«
Was hättest du ihm geantwortet?
Mein erster Impuls wäre: Laut. Aber da stelle ich mir selbst jetzt die Frage: Wo liegt der Unterschied zu der Welt, in der wir aktuell leben? Wenn du überlegst, dass die Welt schon sehr laut ist, ohne dass zusätzlich die Gedanken rumschwirren, dann glaube ich, ist die Welt ja gar nicht so anders, wie ich es jetzt ihm beschrieben hätte.
Es macht also keinen Unterschied?
Ich glaube trotzdem, dass sie noch ein bisschen lauter wäre, weil wir Menschen dazu tendieren, sehr ausgiebig zu denken. Wenn wir jedoch andererseits wüssten, dass unsere Gedanken laut sind, würden wir weniger denken. Dann würde sich die Welt gar nicht so anders anfühlen als jetzt.
»Meinen Job unter diesen Umständen konzentriert zu erfüllen, wäre sehr herausfordernd.«
Stell dir mal vor, nur du könntest die Gedanken der anderen hören und sie wüssten es nicht. Du kommst zur Audition und da sitzen bis zu zehn Menschen, die dich bewerten. Du bist fertig mit deiner Performance …
… und ich kann die Gedanken der anderen hören? Spannende Situation. Was viel entscheidender ist: Ich höre die Gedanken, während ich performe. Nicht erst danach, wenn die Reflexions- und Resignationsphase kommt, in der die dann erstmal sagen: Danke. Schön, dass du hier bist. Geh mal raus, wir quatschen dann. Ich glaube, das ist gar nicht so das Spannende. Sondern eher die Momentaufnahme, wenn ich performe. Dieser Moment ist entscheidender. Da ist es viel spannender, zu hören, was sie denken. Da kriegst du auch viel ehrlichere Antworten. Die Gedanken danach sind dann schon wieder bewertend. Das Krasse an unserer Kunstform ist, was wir in dem Moment mit den Menschen machen. Das ist viel entscheidender. An diesen Stellen kannst du bei den Auditions wirklich überzeugen. Wenn du deinen Stuff kannst. Dir was überlegt hast. Wenn du dir eine emotionale Reise ausgedacht hast. Du das Ganze, was du da performst, einfach mit Sinn und Verstand füllst.

Würden dich diese Gedanken ablenken?
Meinen Job unter diesen Umständen konzentriert zu erfüllen, wäre sehr herausfordernd. Es ist so schon manchmal schwierig, ohne dass ich die Gedanken der anderen hören kann, allein, weil ich die anderen sehe. Dennoch wäre es spannend. Ich würde es für einen Tag mal ausprobieren. An dem Tag besuche ich fünf Auditions. Einfach nur für mein Wissen, was die anderen so fühlen und denken in den Momenten und wie ich ankomme. Danach würde ich es wieder ablegen, denn das sind sicher sehr viele Informationen von außen.
Worin besteht die Schwierigkeit, zu performen oder deine Rolle zu spielen, wenn du das Publikum siehst?
Da spiele ich auf besondere Situationen an. Eine ganz große Sache ist es für mich, wenn zum Beispiel meine besten Freunde oder meine Familie im Publikum sitzen. Das zu wissen, macht schon was mit mir. Sie zu sehen, ist noch mal krasser. Und sie dann auch noch in Momenten zu sehen, in denen entweder sie eine sehr starke emotionale oder körperliche Reaktion zeigen, oder ich, während ich gerade weine oder mir die Seele aus dem Leib singe. In solchen Momenten Augenkontakt zu bekommen, ist krass.
Dann natürlich aber auch die nicht so großartigen Dinge. Wenn ich eine ablehnende oder unkonzentrierte Haltung vom Publikum mitbekomme. Jemand am Handy ist, in der Nase bohrt oder einschläft. Mittlerweile bin ich professionell genug, um das auszublenden.
»In den letzten Tagen und Monaten wurde ich sehr viel mit Unehrlichkeit konfrontiert, was mich unheimlich berührt.«
Wie wichtig ist dir Ehrlichkeit?
Ehrlichkeit ist für mich das Allerwichtigste. Ich habe oft Gespräche geführt, in denen ich immer gesagt habe: Kommunikation und Ehrlichkeit sind für mich das Wichtigste. Wenn ich mir sicher sein kann, dass die Worte meines Gegenübers der Wahrheit entsprechen, kann ich mich viel besser ausrichten. Dabei spielt es keine Rolle, was das für eine Richtung sein mag. Ob es jetzt beruflich, im Liebes- oder Datingleben oder etwas Zwischenmenschliches innerhalb meiner Familie oder mit Freunden ist.
Auch wenn ich zum Beispiel einem Obdachlosen helfen will. Wenn ich sage: Ey, ich habe hier zehn Euro, die ich dir geben kann. Was machst du damit? Wirst du davon Alkohol oder Drogen kaufen oder brauchst du das Geld für Essen? Erklärt er mir ehrlich, dass er Alkohol kaufen wird, kann ich viel freier entscheiden. Dann kriegt er keine zehn, sondern nur zwei Euro, damit er sich ein Bier kaufen kann. Ich habe ihm trotzdem geholfen, kann aber nicht verantworten, ihm eine Flasche Schnaps zu ermöglichen. Ehrlichkeit ist für mich essenziell. Es ist witzig, dass du gerade diese Frage stellst, weil ich in den vergangenen Tagen und Monaten sehr viel mit Unehrlichkeit konfrontiert wurde, was mich unheimlich berührt.
In deiner Galerie der Unehrlichkeit sind ein paar Porträts hinzugekommen. Teilst du eine Situation mit mir?
Ich nenne dir sogar zwei Situationen. Die eine betrifft mich nicht, sondern ein Familienmitglied. Er wurde mit sehr viel Unehrlichkeit in letzter Zeit konfrontiert. Da reden wir von emotionalem Betrug. Von wirtschaftlichem und finanziellem Betrug. Und das auf einer Vertrauensebene, in einer Beziehung, die im höchsten Maße auf Vertrauen basierte. Da wurde dann einfach Schabernack getrieben. Diese Straße war ohne Ende mit Unehrlichkeit gepflastert.
Wenn so etwas ans Tageslicht kommt, muss man unweigerlich in eine Konfrontation gehen oder in ein Gespräch. Und dann sagen: Okay, ich habe einen Fehler gemacht. Ich habe gelogen und die Wahrheit nicht für voll genommen! Das wäre der eine Weg. Einfach weiterlügen, ist der andere. Tatsächlich wurde hier dieses Geflecht an Lügen aufrechterhalten. Ich bin aus allen Wolken gefallen.
Was genau hat dich daran am meisten verletzt?

Die Emotionen kochen immer höher, wenn es nicht um mich geht. In solchen Momenten versuche ich die Welt sehr positiv zu sehen und das Gute im Menschen. Ich bin kein nachtragender Mensch und verurteile niemanden. Jeder macht mal Fehler. Ich auch. Aber irgendwann ist das Fass voll. Und dann immer noch weiter unehrlich zu sein, finde ich hart.
Außerdem war da Enttäuschung, weil ich mich auch in dem Menschen getäuscht hatte. Trotzdem versuche ich, mich immer herunterzuregulieren und das Ganze ein wenig neutraler zu betrachten. Irgendwann habe ich nur noch Mitleid und Traurigkeit empfunden. Der Mensch muss irgendwas durchlebt haben, um in dieser Situation so zu reagieren. Es ist jetzt fast drei Monate her und da geht noch immer viel ab. Ich wünschte, ich könnte helfen. Ist aber nicht meine Aufgabe.
Bist du in der anderen Situation direkt betroffen?
Tatsächlich ja, das war im beruflichen Kontext. Ich musste Verträge für ein neues Engagement verhandeln. Es wurden Argumente vorgebracht, die meinen Stellenwert betrafen. An anderer Stelle wurde dieser dann jedoch ganz anders bewertet. Ich war fassungslos.
Wenn darüber gesprochen wird, dass wir zusammenarbeiten wollen, dann gehe ich davon aus, dass es auf einer Vertrauensebene passiert. Denn ich schenke auch mein Vertrauen. Wenn ich dann höre, dass Worte, die gewählt, wurden an anderer Stelle nichts mehr wert sind, bin ich enttäuscht und finde es extrem schade.
Welche Rolle spielt Wut in dem Zusammenhang?
Es sind zwei unterschiedliche Situationen. Im beruflichen Kontext war ich einfach nur sehr enttäuscht. In der familiären Situation war [überlegt] … auf jeden Fall auch ein bisschen Wut dabei. Ich bin kein Mensch, der mit viel Aggression oder Wut zu tun hat. Aber der springende Punkt war, dass es jemanden getroffen hat, den ich liebe. In solchen Momenten kommen diese Emotionen viel stärker vor. Wenn es mich betroffen hätte, hätte ich irgendwann abgewunken und gesagt: Okay, shit happened. Ist mir passiert. War nicht schön.
»Ich brauche immer einen Ankerpunkt, auf dem ich aufbauen kann.«
Ich habe dich mehrfach und in unterschiedlichen Rollen auf der Bühne erlebt. Für mich hattest du immer eine starke Präsenz, warst kraftvoll und gleichzeitig auch gefühlvoll. Welchen Anteil hat Silvio Römer an seinen Rollen?
Egal, was ich auf der Bühne spiele, es ist immer ein Anteil von mir dabei. Ich kenne Darsteller, die würden Gegenteiliges behaupten. Sie sagen: Da ist nichts von mir, das ist ja gerade die Kunst am Schauspiel. Vor zwei Tagen habe ich ein Video mit Christoph Maria Herbst gesehen. Er wurde gefragt, wie viel Stromberg denn in ihm sei. Er sagte: Der Fakt ist, dass Stromberg ihm so gut gelingt, weil er so weit von ihm entfernt ist, dass er ihn einfach spielen kann, ohne sich was zu scheißen, und er das nicht von außen bewertet.

Ich habe einen etwas anderen Ansatz, weil ich immer versuche, eine Verbindung zur Figur zu finden. Die brauche ich auch, damit ich das in mir verankern kann. Das kann der kleinste gemeinsame Nenner sein, zum Beispiel: Er mochte auch mal Fußball oder er geht gern Salsa tanzen. Wenn wir auf meine Bühnenhistorie zurückschauen, sind es immer Figuren gewesen, die rein energetisch nah an mir dran waren. Zeki Müller in »Fack Ju Göthe«. Ich spiele den Gangster. Immer vorlaut. Immer frech. Nach vorne. Aber ihn treibt auch so einiges um.
Noch intensiver empfand ich deine Interpretation von Freddy in »Ku’damm 56« …
Da bin ich an eine weitere Figur gekommen, die in gewissen Themen schon nah an mir dran war. Der Gitarrist und Hallodri Freddy, der seinen Kummer mit Mädels besänftigt. Der Familienprobleme hat. Nach außen immer cool wirkt, aber in dem innen super viele Themen offen sind. Zu dieser Figur habe ich schon sehr viele Parallelen gesehen. Fand ich auch gut. Deswegen fiel es mir verhältnismäßig leicht, die Rolle zu spielen.
»Der Key ist immer Glaubwürdigkeit.«
Gibt es bei all diesen Rollen eine Emotion, die dir auf der Bühne wirklich schwerfällt zu spielen?
Da sind wir wieder beim Thema Ehrlichkeit und Glaubwürdigkeit. Für mich ist es wichtig, dass ich die Sachen glaube, die auf der Bühne passieren. Ich habe immer ein großes Problem, wenn irgendwelche Emotionen einfach behauptet werden, die nicht untermalt sind. In den vergangenen Jahren habe ich auch viel Regieassistenz und Abendspielleitung gemacht, wo es darum geht, die Show qualitativ hochzuhalten. Da war mein Keyword immer Glaubwürdigkeit. Wenn ich nicht glaube, was ihr da spielt, wie soll es dann das Publikum glauben? Und da reden wir von Kunstformen, die jetzt gar nicht so schwerwiegend oder tiefgreifend sind, wie »Bibi und Tina« zum Beispiel.
Macht das einen Unterschied?
Eigentlich nicht. Kinder als Publikum sind ja sehr dabei. Die wissen sofort, ob das glaubwürdig ist. Nee, der ist gar nicht traurig oder wütend. Der Key ist immer Glaubwürdigkeit.
»Jetzt waren die anderen Mal dran – und vor allem ich.«
Wie schaffst du es zu performen, wenn es dir an dem Tag richtig beschissen geht, weil du gerade ein Thema mit Unehrlichkeit hast?

Wenn es tagsüber ein Thema gab und ich spiele abends eine Show, dann blende ich das aus. Ich habe meinen Job zu tun und damit eine ganz andere emotionale und körperliche Reise. Ich kann mein Thema wirklich ablegen. Das heißt nicht, dass es nicht mehr da ist. Es beeinträchtigt mich aber nur minimal. So wie andere Leute in den Alkohol fliehen, feiern gehen oder mit Freunden darüber reden müssen, ist das einfach nur ein Tool, um mal auf stumm zu schalten. Problemflugmodus an. Ich liebe das, weil es mich immer wieder auf die verschiedenen Standpunkte in meinem Leben zurückbringt. Gerade bin ich noch emotional, jetzt aber beruflich. Jetzt bin ich privat, dann familiär unterwegs. Ich kann mich immer neu erden. Die Bühne hilft mir extrem dabei.
Welches Tool würdest du nutzen, wenn du morgen aufwachst und nicht mehr Musicaldarsteller bist, so dass die Bühne dich nicht mehr erdet?
Ich bin jemand, der sich per se auch im Privatleben gut fokussieren kann. Denn ich weiß, die Herausforderungen sind da und das wird sich auch nicht ändern. Bei vielen Menschen ist Ablenkung das Mittel der Wahl beziehungsweise zum Verarbeiten. Ich will mich gar nicht ablenken, denn ich kann mich innerhalb starker Emotionen relativ schnell selbst herunterregulieren. Ich verstehe: Okay, das ist Realität und die muss ich jetzt akzeptieren, aber wie geht es weiter? Ich kann dann den Modus einschlagen, das Ganze mal aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Sprich, ich rede mit Freunden darüber und präsentiere ihnen meine Tatsachen und frage anschließend nach einer außenstehenden Sicht. Wie seht ihr das? Ist meine emotionale Haltung der Thematik gegenüber gerechtfertigt oder nicht? Andere Menschen haben einen eigenen Bezug zu diesem Thema und schätzen die Situation dann ganz anders ein.
Jeder greift auf die eigenen Erfahrungen zurück. Wie hat dir das in der familiär herausfordernden Situation geholfen, die du beschrieben hast?
Ich habe eine ganz andere Meinung über die Situation. Mein Gegenüber war emotional sehr gefangen, ich konnte ihm auch die Augen öffnen. Das wäre ein Weg. Konfrontation ist auch immer ein Weg. Ich bin ein Fan davon, sich den Sachen wirklich zu stellen. Auch wenn es um mich selbst geht. Mich hinzusetzen und ehrlich auf das aktuelle Thema zu schauen. Warum tangiert mich das so krass? Was steckt dahinter? Kommt das vielleicht von irgendwo anders? Oder ist der Auslöser vielleicht gar nicht so weit entfernt? Oder wenn es um meine Person geht, ganz offen in die Kommunikation reingehen: Was hast du empfangen? Und was hat es mit dir gemacht? Hast du das so gemeint, wie es angekommen ist? Ist meine emotionale Reaktion gerechtfertigt? Da gibt es unzählige Versionen. Und wenn die alle nicht passen, dann vielleicht doch ablenken. Badewanne und Netflix oder sowas.
»Ich habe gewisse Ansichten in Bezug auf den Job in den letzten zwei Jahren verändert und entwickle mich einfach weiter.«
Klingt gut. Da ist schon mal kein Alkohol im Spiel. Wie geht es denn weiter mit dem Musicaldarsteller?

Es geht weiter, wie es weitergeht. Viele Leute haben mich gefragt, denn ich hatte die Pause für 2025 verhältnismäßig groß angekündigt. Es sollte wie so ein Sabbatical werden. Ich wollte ein Jahr einfach gar nichts machen. Daraus ist nichts geworden. Dafür habe ich entschieden zu viele Hummeln im Arsch. Ich bin niemand, der nichts machen kann. Deshalb war ich sechs Monate lang auf Festivals und bin durch Deutschland gefahren, habe Freunde besucht. Meine Life Coach Ausbildung gemacht. Ich war kaum zu Hause. Meine Freunde in Berlin fragten irgendwann: Sehe ich dich irgendwann mal wieder? Ich dachte, du hast frei. Mein Bruder: Ey, was ist mit dir? Jetzt waren die anderen Mal dran – und vor allem ich.
Sonst gilt sicher: Nach der Rolle ist vor der nächsten Rolle …
In den letzten Wochen, bevor ich bei »Ku’damm 59« aufgehört habe, fragten viele: Was machst du denn jetzt? Wie geht’s weiter? Hörst du auf? Ich so: Leute, ich liebe die Bühne viel zu sehr. Ich bin eine viel zu große Rampensau, als dass ich die Bühne hinter mir lassen könnte. In Bezug auf den Job habe ich gewisse Ansichten in den vergangenen zwei Jahren verändert und entwickle mich einfach weiter. Und ich merke auch immer wieder, dass alles auf diese Musical-Karte zu setzen, mich auf Dauer dann vielleicht auch nicht so beruhigt und ankommen lässt. Und deswegen schaue ich einfach weiter. Ich habe die Zeit genutzt, um breiter zu streuen. Ich werde weiterhin Musicals machen, nebenbei aber auch andere Dinge. Mein Selbst wird einfach ein bisschen breiter aufgestellt.
Als Life Coach? Was steckt hinter dieser Ausbildung?
Ich habe mich in den vergangenen Jahren sehr viel mit Persönlichkeitsentwicklung auseinandergesetzt, weil Stillstand einfach langweilig ist und der Tod fürs Ego, also für die Persönlichkeit, meine ich [lacht]. Und weil ich immer sehr viel an mir arbeite, dachte ich, das ist eigentlich ein sehr spannendes Thema. Ich bin verhältnismäßig spät auf das Thema gekommen, weil ich vorher damit nicht konfrontiert wurde oder mein Interesse dem nicht galt. Gerade in der Zeit, als ich mich fragte: Wo will ich hin? Was will ich machen? Was kann ich eigentlich? bin ich auf das Thema Persönlichkeitsentwicklung gekommen und habe mich informiert. Und wenn du dich informierst, kommen natürlich unweigerlich vom Algorithmus irgendwelche Ausbildungen. Dann kommen Life Coaches, dann kommen Retreats und so weiter. Davon kann man halten, was man will. Ich hatte dazu auch eine gewisse Meinung.

Welches war dein größtes Vorurteil?
Ich war sehr skeptisch. So viele Menschen, die ich kannte, waren plötzlich Coach. Oder Leute erzählten mir von überteuerten Sitzungen mit selbst ernannten Coaches. Am Ende gibt es in jedem Bereich schwarze Schafe und es kommt immer auf die Motivation an. Geht es darum, anderen Menschen zu helfen, oder darum, schnelles Geld zu verdienen.
Das größte Vorurteil war: Coaches tun das nur für sich. Nur ist das schlimm? Nein. Ich mache es für mich, weil ich Menschen helfen will, indem ich mein Wissen und meine Erfahrung weitergebe. Es gibt Menschen, die das große Ganze noch nicht sehen können oder noch nicht stark genug sind, durch bestimmte Themen allein zu gehen. Ich will Dinge tun, die Mehrwert haben und Freude bereiten. Als ich gewisse Menschen kennengelernt habe, änderten sich einige Blickwinkel.
»Ich habe und hatte eine sehr spezifische Meinung über Coaches und wollte mich in dieses Themenfeld begeben, um zu wissen, was da wirklich Phase ist.«
Inwiefern?
Eine sehr gute Freundin aus Berlin, ist selbst Coach. Sie erkannte, dass ich noch vor meiner Pause 2025 und dem Entschluss zu der Ausbildung, in einer Selbstfindungsphase war und bereit, mich weiterzuentwickeln. Sie stellte mir bei Gelegenheit ein paar Freunde vor. Der eine war Life Coach. Mit dem habe ich mich unterhalten. Ich empfand es als sehr spannend, wie er gewisse Sichtweisen aufs Leben dargestellt hat und wie er selbst damals dazu gekommen ist. Es war so inspirierend, dass ich gefragt habe, ob er mit mir mal eine Life Coach Session machen würde, und dadurch helfen, mal zu gucken, in welche Richtung ich gehen will.
Das zweite Treffen war dann im professionellen Kontext. Wir haben verschiedene Ziele und Eigenschaften von mir aufgelistet und Stärken aufgezeigt. Ich bin zum Beispiel sehr hilfsbereit und liebe es, Menschen voranzubringen und ihnen mit meinem Wissen zu helfen. Das mache ich im privaten Kontext regelmäßig. Leute fragen mich nach meiner Meinung: Wie siehst du das? Wie machst du das? Wie gelingt dir XYZ? Und scheinbar bin ich eine sehr vertrauenswürdige Person, weil das auch im äußerst privaten, intimen Kontext sehr viele Menschen machen. Scheinbar habe ich eine vertrauensvolle Aura, dass Leute, die mich gar nicht so gut kennen, mir so intime Details anvertrauen und meine Meinung darüber wissen möchten.
Zu welchem Schluss seid ihr anhand der Listen gekommen?
Diese ganze Palette an Eigenschaften hat mich dann unweigerlich auf die Persönlichkeitsentwicklungsschiene gebracht. Ich fing an Bücher zu lesen und mich zu informieren, und dann bin ich auf diese Ausbildung gekommen. Sie beinhaltet ein sehr intensives Coaching an mir selbst. Und weil diese Ausbildung das hatte, plus die Ausbildung zum Coach per se, dachte ich mir: Was hast du zu verlieren? Ich möchte mich weiterentwickeln.
Was hat diese Erfahrung mit deiner Meinung zur Coaching-Bubble gemacht?
Ich habe und hatte eine sehr spezifische Meinung über Coaches und wollte mich in dieses Themenfeld begeben, um zu wissen, was da wirklich Phase ist. Was stimmt daran, was die Gesellschaft oder viele, mit denen ich gesprochen habe, über Coaches sagen? Mein Entschluss stand fest. Das war ein sehr intensiver Prozess, weil es auch mit Kosten verbunden war. Ich habe dafür Geld in die Hand genommen, weil mir wichtig war: Wenn ich das mache, dann mache ich es richtig. Halbe Sachen sind nicht mein Ding. Das war eine spannende Reise.
»Ich bin dafür bekannt, mit dem Kopf unterm Arm zur Arbeit zu gehen.«
Am Anfang einer solchen Reise steht häufig ein Auslöser. Welchen gab es für deine Pause?
Mein Körper hat geschrien. Ich bin dafür bekannt, mit dem Kopf unterm Arm zur Arbeit zu gehen. Bis ich mich krankmelde und daheimbleibe, muss schon viel passieren. Da bewegen wir uns im Musical natürlich in einer anderen Verhältnismäßigkeit. Ins Büro könntest du theoretisch mit einem verstauchten Arm oder fehlender Stimme gehen. Das geht bei uns nicht. Der Punkt, an dem du nicht mehr imstande bist, deine Arbeit zu machen, ist viel früher als in den meisten anderen Jobs. Bis zu diesem Punkt konnte ich immer eine sehr gute Balance und Gesundheit halten.

Bei »Ku’damm 59« war es das erste Mal in meinem Leben nicht so. Ich war ständig krank. Mein Körper hatte unterschiedliche Signale gesendet, egal ob das jetzt die Stimme war oder meine Gelenke. Jünger werde ich auch nicht. Ich hatte zum Beispiel eine Schleimbeutelentzündung am linken Arm. Das habe ich noch nie in meinem Leben gehabt. Ich konnte den Arm so gut wie gar nicht benutzen. Und da dachte ich mir: Das sind merkwürdige Symptome, denn ich darf schon von mir behaupten, körperlich absolut fit zu sein. Ich achte ungeheuer darauf, wie ich meinen Körper in Schuss halte. Das ist nicht nur für mein Berufsleben super entscheidend. Sondern auch für mein Leben. Selbst wenn ich im Büro oder an einer Schule arbeiten würde, ist es wichtig, dass der Körper gesund bleibt.
Plötzlich zeigten sich dennoch Symptome, die du nicht beeinflussen konntest …
Das waren alles Signale, die ich als Hilfeschreie gedeutet habe. Als Zeichen für: Bro, du brauchst eine Pause. Ich arbeite jetzt seit über zwölf Jahren nahezu durchweg in diesem Beruf. Und da reden wir nicht nur von nahtlos, sondern teilweise sogar mehrere Monate überschneidend. Ich war zum Beispiel, als ich Zeki Müller spielte, bereits in den Proben für »Bibi und Tina«. Habe schon die neue Cast für die nächste Tour vorbereitet.
Wie viele Stunden hat dein Tag?
[Lacht.] Ich bin morgens um sechs zu den Proben gefahren, um die Casts einzustudieren. Dann habe ich bis fünfzehn Uhr gearbeitet und geprobt. Anschließt bin ich von der Probe direkt ins Theater gefahren und habe dort direkt die Show gespielt. Das wiederholte sich teils vier Tage in der Woche. Die Engagements haben sich nicht nur abgewechselt, sondern überschnitten. Wir brauchen auch nicht über das hohe Pensum von acht Shows pro Woche sprechen.
Was wäre passiert, wenn du nicht auf deinen Körper gehört hättest?
Ich denke, der Körper reagiert nicht umsonst. Er schickte mir so ein paar Signale, damit ich die Chance hatte, darauf zu hören. Hätte ich mir gedacht: Ach, komm! Wir gehen noch ein Stückchen weiter … hätte er mich irgendwann ganz rausgenommen. An dieser Stelle gilt es, sich selbst gegenüber ehrlich zu sein.
»Mich würde das am Ende des Tages so viel glücklicher machen.«
Und wie du am Anfang sagtest, ist Ehrlichkeit bedeutungsvoll. Lass uns noch einen Blick in die Galerie deiner Sehnsüchte werfen. Stell dir vor, am Boden stehen unzählige Bilder, teils offen, teils noch verpackt oder sogar schon verstaubt. Welches Bild würdest du gern aufhängen, damit diese Sehnsucht gestillt wird?
[Überlegt.] Wow, spannende Frage. Vor allem … wie soll ich von Sehnsüchten wissen, wenn ich das Bild nicht oder nicht mehr sehen kann? Bilder in einer Galerie voller Sehnsüchte und Träume, die nicht alle eindeutig erkennbar sind. Wirklich spannend. Darüber muss ich etwas länger nachdenken, was ich mir auf einer solchen Leinwand vorstellen könnte. Aber um deine Frage zu beantworten, entscheide ich mich für ein sehr klares Bild, das ich deutlich sehe. Wobei, das ist eher beruflich. Es gibt noch ein zweites Bild.

Lass mich gern an beiden teilhaben …
Ich möchte unfassbar gern mal auf der Leinwand zu sehen sein. Egal in welcher Form. Ob das jetzt ein Kinofilm ist, eine Serie oder einfach ein Kurzfilm. Was ich daran in meinem Berufsfeld der Schauspielerei so spannend finde, ist, dass man beim Film und im Fernsehen die Emotionen so nah und ungefiltert betrachtet. Auf der Bühne werden Emotionen manchmal ein bisschen zu groß dargestellt, was für den Zuschauersaal auch gut und richtig ist. Ich glaube, bei einer Filmproduktion kann ich noch mehr von meiner Kunst zeigen. Hier könnte ich noch mehr zurückgeben.
Und das zweite Bild?
Es ist ein zweigeteiltes Familienbild. Auf der einen Seite steht mein Vater, der es aufgrund seines Migrationshintergrunds und anderer Umstände leider nie geschafft hat, wirtschaftlich auf einen grünen Zweig zu kommen. Ich würde ihn gern supporten und ihm etwas Gutes gönnen. Einen anderen Lifestyle ermöglichen. Das ist ein großer Wunsch.
Auf der anderen Seite steht die übrige Familie. Durch verschiedene Umstände herrscht zurzeit in meiner Familie eine schwierige Energie. Hier möchte ich gern intervenieren oder vielmehr der Auslöser für eine glücklichere und zufriedenere Familie sein. Mich würde das am Ende des Tages so viel glücklicher machen.

