»Ich hoffe, du kannst damit leben, dass ich direkt mit dem Interview starte«, sage ich, noch halb im Ankommen. Der Stau in Richtung Hamburg hängt mir nach. Und die Zeit im Nacken ebenso. Melanie Amelié Opalka hat im Anschluss familiäre Termine. Viel Raum für Warm-up bleibt nicht. Also kein langsames Herantasten. Kein Vorgeplänkel. Sondern ein Gespräch, das direkt dort beginnt, wo es interessant wird.
Vor mir sitzt eine Frau, die drei Rollen vereint: Autorin, Speakerin, Mentorin. Und während wir uns gegenübersitzen, frage ich mich, ob das Ausdruck von Klarheit ist oder der bewusste Verzicht, sich auf nur eine Version festlegen zu lassen.
Dieses Gespräch mit Amelié ist ein Blick in eine Galerie, in der Klarheit und Zweifel nebeneinander hängen. In der Neid antreibt, Pausen retten und Ohnmacht ihren Platz hat. Und vielleicht ist genau das »Die Galerie deines Lebens«: kein fertiges Bild, sondern ein Raum, in dem alles gleichzeitig da sein darf.
Amelie, du bist Autorin, Speakerin und Mentorin. Ist das Ausdruck einer sehr klaren inneren Haltung oder eher der Beweis dafür, dass du dich weigerst, dich auf eine einzige Version von dir festzulegen?

Interessante Frage. Ich bin jemand, der sich unglaublich schnell langweilt. Wenn ich mir vorstelle, ich würde eine Buchreihe rund um ein Café an der Ostsee schreiben. Der immer gleiche Schauplatz an dem sich neue herzerwärmende Liebesgeschichten zutragen, würde ich nach dem zweiten Buch Plack kriegen. Das könnte ich gar nicht. Ich habe in meinem Leben unglaublich viele Dinge ausprobiert. Bevor ich mich dazu entschieden habe, Vollzeitautorin zu sein, habe ich zum Beispiel zusätzlich ein Vollzeitbusiness als Unternehmensberaterin im Bereich Vereinbarkeit von privaten und öffentlichen Interessen geführt. Ende 2022 musste ich mir ins Gesicht schauen und feststellen: Amelié, du redest immer über Vereinbarkeit, aber in Wirklichkeit lebst du hier komplett über deine Ressourcen und Verhältnisse. Du lebst mindestens zwei Leben auf einmal, plus Familie und kleine Kinder. Das ist eine Illusion. Ich stellte mir die Frage, wie lange ich das noch aufrechterhalten kann und will. Die Antwort war schnell klar. Ich wollte nicht länger auf meine eigenen Kosten und auch nicht auf denen meiner Familie leben.
Als dir das bewusst wurde, fiel die Entscheidung?
Ja, ich habe mich für die Autorentätigkeit entschieden und konsequent alles andere abgewickelt. Gerade als ich mich davon verabschiedet habe, kamen Menschen auf mich zu und meinten: Hey, du hast doch mit Scheitern und ähnlichen Erfahrungen zu tun. Magst du nicht mal auf den Fuckup Nights sprechen? Und dann habe ich gedacht: Läuft das konträr? Mache ich jetzt gerade wieder ein Fass auf, das ich eigentlich gerade versucht habe zuzumachen, oder passt das? Ich stellte fest, es passt. Denn ich spreche nicht über ein neues Thema, sondern über meine Existenz als Autorin, als Selfpublisherin. Ich teile die Fehler, die ich auf meinem Weg gemacht habe und die ich heute noch mache, denn es passieren mir noch genug. Die Engagements, die ich als Speakerin annehme, kann ich im Jahr an einer Hand abzählen. Und zwar bewusst, weil ich sie nicht suche, sondern weil ich sie nur wahrnehme, wenn sie kommen und ich das Gefühl habe, das passt wirklich dazu.
»Mein innerer Kritiker schlägt an der Stelle Alarm und die Perfektionistin schlägt die Scheiben an inneren Wänden ein und zerbricht viel Porzellan.«
Jetzt haben wir über die Autorin und Speakerin gesprochen. Wo hat die Dritte im Bund mit dem Mentoring Platz?
Auch hier setze ich mir klare Grenzen. Ich begleite maximal zwei Mentees pro Jahr. Mehr Menschen kann ich nicht authentisch betreuen. Ich habe zeitweise als Coach gearbeitet, und wenn ich dann so im Stundentakt mit anderen Leuten und anderen Geschichten konfrontiert bin, ist es für mich schlicht nicht tragbar. Dafür bin ich nicht geschaffen, denn das geht mir zu nah.
Woher dann die Begeisterung als Mentorin?
Es bereitet mir große Freude, einem Jungautoren oder einer Jungautorin in gewisser Hinsicht über die Schulter zu gucken und an der richtigen Stelle mal den kleinen Popotritt zu verpassen. Am Ende müssen sie es aber allein machen. Das ist ihr Weg. Um aber auf die Eingangsfrage zurückzukommen: Obwohl es vielleicht so aussehen könnte, dass es drei ganz unterschiedliche Themen sind, ist es für mich ein Topf. Und damit innere Haltung sowie große Zufriedenheit, weil ich das Gefühl habe, Dinge rund um das große Thema Schreiben vereint zu haben. Dinge, die mich wirklich glücklich machen.
Wenn du selbst Gestalterin deiner Themen bist, geht damit auch mehr Freiheit einher, oder?
Ja, ich bin nicht mehr so abhängig. Eine schöne Erfahrung, die ich Ende 2025 gemacht habe, ist, den Druck rausnehmen zu können. Es ist gesünder, als zu sagen: Das nächste Buch muss erscheinen! Ich war noch nicht so weit. Ich brauchte Raum und keinen Druck, der mich mehr Gas geben lässt, weil ich sonst meine Leserschaft verliere. Es müssen keine fünf Bücher im Jahr sein. Drei sind schon mega. Wenn ich weniger mache, ist es immer noch in Ordnung. Gerade in der damaligen Phase, in der ich mich befand, brauchte ich diese Entspannung. Diese Milde mir selbst gegenüber. Ein bisschen Abstand und Ruhe.
Kein schlechtes Gewissen, wenn eine Veröffentlichung verschoben werden muss?
Mein innerer Kritiker schlägt an der Stelle Alarm und die Perfektionistin schlägt die Scheiben an inneren Wänden ein und zerbricht viel Porzellan. Am Ende des Tages nützt es aber nichts. Mit Mitte 20 hatte ich einen Burn-out. Ich weiß, was es bedeutet, wenn man keinen Finger mehr heben kann und den eigenen Namen nicht mehr weiß. Das ist ein Moment, an den ich nicht zurückmöchte.
Damals hattest du auch noch nicht so viel Verantwortung wie heute …
Korrekt. Ich werde nicht jünger. Die Probleme werden nicht kleiner, sie werden auch nicht unbedingt leichter. Ich habe eine Familie und trage plötzlich auch Probleme von Menschen mit, die ich nicht einfach beiseiteschieben kann. Da sind so viele Themen, die ich nicht beeinflussen kann. Bei den Dingen, die ich jedoch beeinflussen kann, erfordert es eine Erwachsene, die dem inneren stampfenden Kind, das sich dann auf den Boden wirft und sagt: Ich will aber nicht absagen! Ich habe mir das doch vorgenommen und der Community schon Bescheid gesagt. Parole bietet. Unter anderem, deswegen bin ich Self-Publisherin. Es ist meine Entscheidung. Und ob ich das Buch jetzt im Februar herausbringe oder erst im März oder sogar erst im April nach der Leipziger Buchmesse, ist klar meine Entscheidung.
»Ich kenne viele Menschen, die in so einer Pseudozufriedenheit verharren.«
Da bist du sehr zu beneiden an der Stelle. Es gibt genügend Menschen, die an der Stelle vertragliche Verpflichtungen haben.
Genau. Und in dem Moment, in dem die Familie mich braucht oder eine Krankheit dazwischenkommt, brauche ich diese Freiheit. Viele verspüren in solchen Situationen dann vertraglichen Druck, der ja auch krankmachen kann. Und das wissen wir beide.
Thema Neid: Schau doch mal in deine Gefühlsgalerie. Welche Bilder hängen dort an der Wand?
Ich bin furchtbar neidisch, wenn ich so schöne Bestselleraufkleber auf Büchern sehe. Dann denke ich: Verdammte Axt! Ich schreibe doch auch ziemlich gute Bücher. Könnte doch auch mal einer auf mein Buch draufkleben. Dass es noch nicht funktioniert hat, macht nichts. Ich träume einfach weiter. Neid ist für mich ein gesundes Gefühl. Wenn ich nicht neidisch wäre, dann hieße es, dass ich vielleicht mit etwas zufrieden bin, das noch gar nicht zu meiner Zufriedenheit ist. Ich würde mich damit abfinden. Am Ende meiner Tage möchte ich zurückblicken können und sagen: Das war ein Ritt, aber ich habe es versucht. Ich habe vielleicht nicht alles geschafft, aber ich hatte Ziele. Und die entstehen doch auch dadurch, dass ich mich umschaue, was andere erreichen. Ich kenne viele Menschen, die in so einer Pseudozufriedenheit verharren. So nach dem Motto: Ich muss mich nicht anstrengen, ich bin ja zufrieden.

Wie gehst du damit um?
Häufig frage ich mich: Wem willst du das jetzt gerade erzählen? Nichts gegen Menschen, die zufrieden sind. Aber es gibt halt diese Pseudozufriedenheit. Die macht mir immer ein bisschen Bauchschmerzen, weil ich genau weiß, dass es eigentlich nur Neid in verkappter Form ist. Ich halte es für viel gesünder, zu sagen: Boah ja, so ein Bestsellersternchen hätte ich auch gern! oder Einmal auf Rang 1 – ich würde es mir einrahmen und irgendwo hinhängen! Ich sammle meine Erfolge und ich finde, dass wir das viel zu wenig machen. Einfach mal die kleinen Dinge wirklich feiern. Wir sind immer wahnsinnig gut darin, uns zu kasteien, wenn irgendwas nicht geklappt hat oder schiefgelaufen ist.
»Es wäre illusorisch zu behaupten, dass alles immer im Fluss ist.«
Oder wir eine schlechte Rezension bekommen …
Absolut. Da könnten fünf Millionen Menschen zuvor sagen: War gut! Wenn einer schreibt: Das war nix! kann ich mich stundenlang damit befassen und gedanklich mit dem diskutieren. Totaler Blödsinn natürlich. Ich habe mir eine Erfolgskiste zugelegt. Dort lege ich zum Beispiel schöne Rückmeldungen von Lesenden rein oder ausgedruckte Fotos beziehungsweise Bildschirm-Screenshots, wenn ich eine gute Platzierung ergattert habe bei einer Veröffentlichung. Ich glaube, es ist für uns alle zwischendurch einfach wichtig, uns an solche Momente zu erinnern. Selbst wenn es nicht Platz eins war.
Gab es Momente der Resignation?
Es wäre illusorisch zu behaupten, dass alles immer im Fluss ist. Ich hatte im November und Dezember 2025 eine Phase, in der ich mich ganz bewusst entscheiden musste, nicht mehr zu schreiben. Es gab so viele private Themen, und gleichzeitig war der Druck so hoch, das Manuskript Ende November ins Lektorat zu geben. Am Ende des Tages musste ich in den Spiegel gucken und mir eingestehen, dass ich diesen privaten Stress nicht abschalten kann. Es war nicht meiner, sondern einer, der eben auch von den Kindern aus an mich herangetragen wurde. Auch mein Geisteszustand ließ in der Zeit nichts zu. Ich war kaum in der Lage, einen geraden Satz auszusprechen. Verschwitzte einen Termin nach dem anderen. Rannte meinem Leben permanent nur hinterher und wurde niemandem mehr gerecht. Das Einzige, was mir übrigblieb, war, die Zeit zum Schreiben zu streichen. Ich dachte mir: Das Buch wird geschrieben werden, wenn es geschrieben werden will.
Das heißt, du hast den Termin im Lektorat abgesagt?
Ich habe meinen Lektor angeschrieben. Er war verständnisvoll und bot mir an, mich auf Zuruf im Zweifelsfall auch dazwischen zu quetschen. Er ist immer mindestens ein halbes Jahr im Voraus ausgebucht. Mit dieser Entscheidung habe ich mir Zeit erkauft. War nicht schön, denn was mich in weiten Teilen ausmacht, ist, dass ich schreibe und kreativ bin. Es fehlte mir furchtbar. Doch lege ich gleichzeitig keinen Wert auf einen weiteren Burn-out. Diese komplette Hilflosigkeit muss ich nicht noch einmal haben.
Hatte diese Schreibpause positive Auswirkungen?
Ja, absolut. Sie hat mir Luft zum Atmen und Raum gegeben. Brachte auch ganz neue Ideen hervor. Ich konnte bestehende Ideen neu validieren, von der Priorität her einordnen und meine To-do-Liste umorganisieren. Einige Sachen, die mir seit Monaten Druck gemacht haben, warf ich komplett von der Liste runter. Das hat mir sehr gutgetan. Andere Dinge, die auf mich wie große Berge wirkten, zum Beispiel Buchhaltung, die ich gern lange vor mir herschiebe, konnte ich Stück für Stück abarbeiten. Und wenn es nur zehn Zettel aus der Schublade waren, die ich einscannte, und damit war es gut. Den Rest machte ich dann an einem anderen Tag. Es kam langsam Bewegung rein, ohne Druck und Stress.
»Wenn ich ganz allein nur von meinem Einkommen leben müsste, dann würde mich diese Art von Existenzangst wahrscheinlich erdrosseln.«
Sicher erleichternd, dass man als Selbstständige diese Entscheidung auch für sich treffen kann, oder?
Naja, Fluch und Segen zugleich. Einerseits muss ich niemandem Rechenschaft ablegen, andererseits müssen wir alle von irgendwas leben. Komplett frei bin ich nicht. Wenn ich nicht arbeite, kommt auch kein Geld. So ein gewisser Druck bleibt also immer erhalten. Damit muss man umgehen lernen, wenn man sich selbstständig macht.
Hast du Existenzangst, wenn du eine geplante Veröffentlichung verschieben musst?
Wenn ich ganz allein nur von meinem Einkommen leben müsste, dann würde mich diese Art von Existenzangst wahrscheinlich erdrosseln. Mir gibt es sehr viel Sicherheit, dass ich einen Mann an meiner Seite habe, der das mitträgt. Der mein Künstlersein unterstützt. Der sieht, was ich tue, wenn ich nicht schreibe. Wir haben ein vernünftiges, für mich gut tragbares Agreement, das es mir leichter macht, an der Stelle auch vernünftig zu sein und auf mich zu hören und zu sagen: Ich kann das gerade nicht. Ich muss mich mit anderen Themen befassen. Dabei geht es dann eben nicht um Wellness oder Kurzurlaube, sondern häufig um familiäre Belange, die meine Aufmerksamkeit gebrauchen.
Was sind die nächsten Schritte der Autorin?
Ich habe 2025 insgesamt auf zwölf Messen ausgestellt und ein paar Favoriten herausgearbeitet, wo ich dieses Jahr gerne wieder sein möchte. Allerdings reduziert. Ich war wieder in Leipzig und werde auf jeden Fall auch nach Frankfurt gehen.
Wow! Was für ein Schritt!
Ja, das wäre der absolute Oberkracher. Mal gucken, wie es sich realisiert. Auch das will ich nicht gegen meine Kräfte tun, sondern nur, wenn es gerade die richtige Zeit ist. Aber ja, der Fokus richtet sich in erster Linie auf die beiden großen Messen, und dann schauen wir mal, wie viele neue Bücher rauskommen.
»Es passieren so viele schreckliche Sachen auf dieser Welt.«
Anfangs erwähntest du, dass dich Buchreihen mit demselben Setting schnell langweilen. Nun hast du als Thriller-Autorin Marley Alexis Owen bereits sechs Bände der Sara-Konrad-Reihe veröffentlicht. Eine starke Frau, die mit immer neuen Fällen konfrontiert wird. Warum wird es mit Sara nicht langweilig?

Sara ist mittlerweile wie eine enge Freundin. Und die begleitest du auch. Sie hat glücklicherweise auch Familie und ihre persönlichen Themen. Seit Band 1 »Der Stalker« hat sie eine große Entwicklung hingelegt. Das finde ich eher spannend. Ich habe noch immer Lust, ihr zuzuschauen, was als Nächstes kommt und wo sie als Nächstes hingeht. In diesem Jahr wird es ein, zwei wirklich einschneidende Ereignisse für sie geben. Ich kann nicht sagen, wie es danach weitergeht.
Klingt verheißungsvoll.
Ich entwickle gern auch neue Geschichten und kann mich gut auf neue Charaktere einstellen. An Sara reizen mich die immer neuen Fälle. Das sind häufig auch Themen, die mich erst bewegen, bevor ich mich damit befasse und daraus einen Fall für sie mache. Meistens sind es Thematiken, bei denen es mir eiskalt den Rücken runterläuft, wenn ich dafür recherchiere. Es passieren so viele schreckliche Sachen auf dieser Welt. Ich wünschte, ich könnte irgendwas daran ändern, und schreibe dann eben einen Thriller, um das Thema in die Mitte der Gesellschaft zu rücken. Vielleicht kann von dort aus etwas bewegt werden. Solange das noch so ist und ich diesen Ansporn habe, kann ich mir vorstellen, dass das mit Sara weitergeht.
Was war das Heftigste, das du bislang recherchiert hast?
Wenn du willst, kannst du jedes der sechs Bücher nehmen und dir die Hintergrundgeschichte anschauen. Mir stellen sich immer die Haare auf. Ganz furchtbar habe ich die Recherchen zu Band 3 »Der Taliban« empfunden. Die Gesamtsituation von Frauen und Mädchen in Afghanistan ist einfach unsagbar. Und wenn ich dann sehe, dass das weltweit weitergeht. Das mag heftig klingen, aber ganz ehrlich, es ist kein Deut besser, was da gerade in Amerika passiert oder teilweise sogar hier in Europa in Sachen Frauenrechte. Wir befinden uns auf einem solch absteigenden Ast, was das anbelangt. Anstatt weiter an der Gleichberechtigung zu arbeiten. Immer unter dem Deckmäntelchen alter weißer Männer, die meinen, wir nehmen ihnen irgendwas weg, nur weil wir Gleichberechtigung fordern. Es ist so lächerlich und tut weh.
»Ich musste das zwischendurch wirklich weglegen, weil ich es nicht weiterlesen konnte.«
In welches Land verschlägt es Sara im nächsten Band und welches Thema verarbeitest du in ihrem Fall?

Band sieben wird in Kanada spielen, wo es um »Missing and Murdered Indigenous Women« geht. Also Frauen, die aus der indigenen Bevölkerung teilweise einfach verschwinden und nie wieder auftauchen oder eben tot sind, und es interessiert keinen Menschen. Das ist unfassbar. Ich habe Berichte gelesen, die inzwischen von der US-Regierung von der entsprechenden Website runtergenommen worden sind. Berichte, von Indigenen selbst erstellt und zusammengetragen. Da liest du in diesem sachlichen Fachbericht so viel Leid zwischen den Zeilen heraus. Ich musste das zwischendurch wirklich weglegen, weil ich es nicht weiterlesen konnte. Diese Verzweiflung, dieses kulturelle Trauma, dieses Unrecht, das da bis heute stattfindet und nicht richtig aufgearbeitet wird. Die Menschen werden mit ihrem ganzen Leid sowie dem Verlust, den sie teilweise erleiden, allein gelassen. Gerade solche Themen muss ich dann auch wieder loslassen. Das geht mir viel zu nah.
Und dennoch schreibst du darüber …
Ich finde es unglaublich wichtig, dass diese Themen angesprochen werden. Wir als Gesellschaft sollten darüber informiert sein, diskutieren und sie wahrnehmen. Und sei es auch nur in einem Thriller. Aber da weiter einsteigen oder mich mit einem Thema dann wirklich verheiraten und dabeibleiben, ich glaube, da würde ich kaputtgehen. Ich bin nicht gut darin, mich da abzugrenzen.
Welches Gefühl erzeugt es, wenn du feststellst, diese Berichte werden gelöscht, um das nicht weiter zu publizieren?
Ich finde es unglaublich unfair. Es macht mich hilflos, weil ich bemerke, dass die Wahrheit nicht immer erwünscht ist. Ich finde nichts schlimmer, als wenn wir uns von Lügen bzw. Halbwahrheiten antreiben lassen. Es gibt in dieser Gesellschaft und gerade auch in unserem politischen Feld zu viele Menschen, die nur aufgrund ihrer persönlichen Motive und der persönlichen Bereicherung handeln und agieren. Die meisten sind keine Volksvertreter, sondern Lobbyisten. Das läuft am Menschen komplett vorbei. Und wenn ich mir dann anschaue, was das im Kleinen in unserer Gesellschaft für Auswirkungen hat, dieses Gegeneinander. Nur wenn wir alle an einem Strang ziehen, können wir etwas bewegen. Wir könnten Kriege beenden. Das Klima retten. Wir könnten Essen für die gesamte Weltbevölkerung zur Verfügung stellen. Bildung für alle Kinder, die sie haben möchten. Wir könnten Freiheit und Gesundheit für alle Menschen dieser Welt garantieren, wenn wir alle bereit wären, gemeinsam daran zu arbeiten, und nicht immer nur darüber nachdenken würden: Was kann ich für mich ganz persönlich da jetzt noch rausholen? Das frustriert mich ungemein. Ich wäre keine gute Politikerin, weil ich mich immer nur aufregen, laut werden und böse Worte verwenden würde.
»Ich kann die Kämpfe meiner Kinder nicht kämpfen.«
Klingt fast ein wenig nach Ohnmacht. Gibt es andere Momente, die dich ohnmächtig werden lassen?
Ich empfinde diese Herausforderung manchmal als Mutter. Die Kinder kommen auf die Welt und du hast noch ganz kurz das Gefühl, du könntest irgendwas bewirken und dürftest irgendwie mitmachen. Aber im Grunde, bist du raus. In dem Moment, wo sie geboren sind, machen sie, was sie wollen und wie sie es wollen. Sie machen Fehler. Und du kannst hinterherhüpfen und versuchen, zu verhindern, dass das Kind auf die Nase fällt. Das Kind wird auf die Nase fallen. Dann kannst du die andere Haltung einnehmen und sagen: Ja, sie müssen auf die Nase fallen, um irgendwas zu lernen. Alles gut, aber bitte nicht so doll. Bitte nicht mit Blut oder Beinbruch, weil der Kleine so hoch hinauswollte.
Wird es leichter, wenn sie älter sind?
Nein. Am Anfang habe ich immer gesagt: Nur bis zur dritten Stufe! Jetzt sage ich mittlerweile: Hör auf, solche Ausdrücke zu benutzen! Nichts davon kannst du verhindern. Und ja, da sind wir wieder bei Ohnmacht und Hilflosigkeit und letztlich auch bei Verzweiflung. Ich kann die Kämpfe meiner Kinder nicht kämpfen. Das macht mich nicht glücklich, das macht mich überhaupt nicht zufrieden. Ich wünschte auch, sie würden mindestens schon mal mein Wissen mitbringen, um in eigenen Situationen klüger agieren zu können. Nicht mal das kann ich ihnen einbläuen.
Gibt es eine unverhandelbare Regel?
Ich sage ihnen immer: Es ist egal, was ihr macht. Eins dürft ihr nicht: Mich anlügen. Das geht gar nicht. Weil ich die Löwen-Mama bin. Und ich werde euch immer lieben, egal, was ihr tut. Aber ich kann nur für euch kämpfen, wenn ich es weiß. Und das ist der Deal. Letztlich kann ich wieder nur als Coach am Rand stehen und ihnen eine Empfehlung zurufen. Aber was sie daraus machen, da muss ich dann auch ganz bescheiden zurücktreten und sagen: Es ist euer Leben. Dann machen wir das so. Ich bin immer noch eure Mama und stehe immer hinter euch. Herausforderung angenommen.

Stell dir vor, du stehst in einem leeren Raum. Da ist kein Publikum, keine Leserschaft, kein Buch, also auch keine Bühne. Niemand, der irgendetwas von dir will. Nur du allein. Welche Version von dir bleibt dort stehen und was würde sie sich heute erlauben?
Total lustig. Ich habe gerade so ein Bild, wie ich diesen Raum wirklich um mich herum wahrnehme und in schallendes Gelächter ausbreche. So eine Ecke für mich, ganz ohne irgendwas. Ein Traum. Verrückt. Würde ich sofort nehmen. Ich würde mich da drin richtig austoben. Einfach nur im Kreis laufen, wie ein angetriebenes Propellerflugzeug. Und dann würde ich mich zusammenrollen und erst mal zwölf Stunden am Stück schlafen.
Du sehnst dich nach Ruhe?
Ja, einfach mal wieder diese ganzen Masken ablegen. Dieses ganze Tragen, was nicht meins ist. Immer funktionieren müssen. Noch einen Moment durchhalten. Nur noch eine Stunde. Wenn ich das in so einem Raum einfach loslassen dürfte, ich würde es sofort tun.

