Evelyn Harz: »Diese Entscheidung habe ich zutiefst bereut.«

Evelyn Harz in jungen Jahren

Vorwärts leben, rückwärts verstehen. Selten hat sich ein Satz so deutlich in einem Leben gezeigt wie in dem von Evelyn Harz. Sie ist die Mutter von Joana. Ihre Gedanken zum Interview haben mich per Sprachnachricht erreicht, nachdem ich Joanas Geschichte bereits kannte. Sie erzählt darin von einer Kindheit zwischen Nähe und Trennung, vom Gefühl, nicht gehalten worden zu sein und von dem Versuch, sich ihren eigenen Platz im Leben zu erkämpfen. Im Gespräch eröffnete Evelyn dazu eine zweite Perspektive. Keine Gegendarstellung. Kein Rechtfertigungsversuch. Sondern etwas viel Ehrlicheres: den Blick zurück.

Wir treffen uns in einem kleinen Café in Dresden, unweit des Blauen Wunders. Draußen fließt die Elbe. Drinnen lädt mich Evelyn in die Galerie ihres Lebens ein. Wir sprechen über Liebe, Abhängigkeit und Entscheidungen, die sich erst Jahre später wirklich begreifen lassen.

 

Wie fühlt es sich an, wenn man im Rückblick erkennt, dass Entscheidungen aus Liebe zugleich die größten Wunden hinterlassen?

Hochzeitspaar
© privat

Oh, das ist eine gute Frage. Ich habe in der damaligen Sowjetunion studiert und dort einen Kubaner kennengelernt, in den ich mich sehr verliebt habe. Trotz aller Schwierigkeiten habe ich ihn geheiratet. Anderthalb Jahre haben wir auf die Erlaubnis gewartet, weil es in der DDR nicht sein sollte, obwohl Kuba ein Freundesland war. Nach dem Studium bin ich mit meinem zwei Monate alten Sohn Philipp nach Kuba gezogen. Ich habe mich sehr in das Land verliebt. Meine Mutti war traurig. Ich konnte in den fünf Jahren nur einmal nach Hause fliegen.

Was genau hat Wunden hinterlassen?

In Kuba habe ich fünf wunderschöne Jahre verbracht. Es war auch schwierig, nicht emotional, sondern eher materiell. Damit meine ich vordergründig das Essen und weniger das Geld. Wir sind 1988 in die damalige DDR zurückgegangen. Die ganze Wendezeit ist an mir vorbeigegangen, weil ich mit der Schwangerschaft mit Joana, unserem zweiten Kind, beschäftigt war. Wir haben uns dann 1992 getrennt, weil mein Mann fremdgegangen ist. Er hatte drei Frauen gleichzeitig – mich inklusive. Uns ging’s zwar eigentlich allen ziemlich gut, aber irgendwo tat das so weh. Ich wusste irgendwann: Ich kann nicht mehr. Ich möchte das nicht. Dann habe ich mich getrennt. Mit zwei dunkelhäutigen Kindern auf den Heiratsmarkt zu gehen, war schon schwierig.

 

»Als ich mich von dem Mann getrennt habe, ist sie auch sofort wieder zu mir gekommen.«

 

Was bedeutet dir der Satz: „Vorwärts leben, rückwärts verstehen“? 

Viele Dinge, die ich in meinem Leben gemacht habe, hätte ich mir im Rückblick sparen können. Ich habe zahlreiche Erfahrungen in Partnerschaften gemacht, und bin jetzt mit dem vierten Mann zusammen. Häufig war ich hin- und hergerissen zwischen mir als Mutter und mir als Geliebte.

Wie fühlt sich eine Mutter, die sich zwischen Kind und Mann entscheiden muss?

Ganz schlimm. Mit 41 Jahren war ich mit meinem Nesthäkchen Viola schwanger. Jahre später wurde mir in einer Therapie klar, dass ich meinem damaligen Mann hörig war. Ich habe ihm einfach geglaubt und hochschwanger unter anderem auf das gehört, was die Psychologen mir rieten: Joana kann ja auch mal zu ihrem Papa gehen und dort sehen, dass Wasser auch nur mit Wasser gekocht wird. Als Joana eben diese Entscheidung traf, ließ ich sie gehen. Diese Entscheidung habe ich zutiefst bereut. Es hat eine große Wunde verursacht. Wahrscheinlich wollte sie immer nur, dass ich sie zurückhole. Sie war zwei Jahre bei ihrem Vati. In der Zeit hat sie mich oft besucht, aber mein damaliger Partner hat sie verleugnet. Das hat mir im Nachhinein sehr wehgetan. Als Viola zehn Monate alt war, habe ich mich von ihm getrennt. Ich bin bei meinem Bruder untergekommen und nach drei Monaten hatte ich dann eine eigene Wohnung. Joana kam wieder.

Eine Zeit, die du eher mit Glück verbindest?

Ja, sehr. Obwohl wir das nie ganz wegbekommen haben. Es kam in der Zeit auch die Pubertät dazu. Joana ist mit zwölf Jahren gegangen und mit vierzehn zurückgekommen. Wir haben uns zwischendurch gesehen, aber es waren irgendwo so Ressentiments bei ihr vorhanden. Ich habe in der Mutter-Kind-Beziehung gemerkt, dass es nicht so war wie bei meinem Sohn Philipp. Mit ihm lief es ohne große Tiefen und Höhen. Mit Joana gab es einfach diesen Break.

 

»Als ich mit meinen Kindern allein war, war ich glücklich.«

 

Das heißt, Philipp ist die ganze Zeit geblieben?

Nein. Er war zwar schon älter, hat eine Zeit bei meinem Bruder gewohnt, um der Situation aus dem Weg zu gehen. Furchtbar für mich war, als Viola geboren wurde, dass ihr Vater meiner Schulleitung – ich war 35 Jahre lang Lehrerin – mitteilte, dass ich entbunden habe. Philipp und Joana hat er nicht informiert. Mein Sohn hat es durch die Schulleitung erfahren und Joana wiederum von Philipp. Sie haben ihm in der Schule zu seinem Schwesterchen gratuliert. Das hat mir sehr wehgetan. Schließlich sind alle drei Geschwister. Die nächsten zehn Monate bis zur Trennung waren schwer. Ich habe viel geweint. Einerseits war ich glücklich, dass ich Viola geboren hatte, aber auch unglücklich darüber, dass ich Joana und Philipp praktisch nur heimlich sehen konnte. Wir haben in Niederwartha gewohnt. Ich bin mit dem Kinderwagen in den Wald gegangen, damit die Kinder dann zu mir kommen konnten.

Joana hat in ihrem Interview erzählt, dass sie von deinem damaligen Partner rassistisch beleidigt wurde. Was hat das mit deinem Mutterherz gemacht?

Es war furchtbar, meine Kinder als Bimbos betitelt zu wissen. Ich habe so oft mit ihm diskutiert, dass das ein Schimpfwort ist. Er war sehr klug, aber eben auch schizophren oder Borderliner. Ich kann es im Nachhinein gar nicht mehr genau sagen. Erstaunlich finde ich, dass Viola so ein nettes, liebes, freundliches Mädchen geworden ist.

Du hast Joana, nachdem du das Interview gelesen hast, eine Sprachnachricht gesendet. Einen positiven Moment trotz all der Schwierigkeiten hättest du dir von ihr gewünscht. Etwas, woran sie sich in ihrer Kindheit trotz allem gern erinnert. Was hat dich mit Freude erfüllt?

Das war die Zeit, als Joana wieder zurückgekommen ist. Von da an hatten wir viele schöne Momente. Auch wenn ich von den Gefühlen immer hin- und hergerissen war. Joana war geprägt von der Zeit, die sie bei ihrem Vati verbracht hat. Teils spielten da auch bestimmte Charaktereigenschaften eine Rolle, die sie sich angeeignet hatte, und die mir nicht so gefallen haben, zum Beispiel die vielen Jungs. Ansonsten waren wir zufrieden und glücklich. Die Kinder haben ja auch einen neuen Partner für mich gesucht.

Wie denn?

Per Internet, ja, das war ganz lustig. Die haben ein Foto von mir und den drei Kindern reingestellt. Alle Fakten auf einen Blick zu erkennen. Ich sagte: Da schreibt mich doch niemand an. Letztlich habe ich meinen jetzigen Partner gefunden.

Deine Kinder haben ihn gefunden?

Nein, nicht ganz so. Sie haben versucht, einen Partner zu finden. Ich habe dann zusätzlich eine  Annonce in die Zeitung gesetzt. Wir haben uns 2016 kennengelernt. Ich hatte die Erfahrung gemacht, dass Männer mich wegen meiner kleinen Tochter nicht wollten. Die wollten lieber ein kleines Kind mit einer jungen Frau. Mein jetziger Partner hat auch eine Tochter. Sie ist ein Jahr älter als Viola. Das passte also gut.

Was hat es in dir ausgelöst, zu hören, dass Männer nur mit einer jungen Frau ein Kind haben wollen?

Sofort hat es bei mir ausgelöst: Das war’s. Also klar, durch die Erfahrung, die ich vorher gemacht hatte, war ich geprägt von Männern. All das hat eine Wunde hinterlassen, die dort gärt, hauptsächlich der Umgang und die Entscheidungen rund um Joana. Meine Psychotherapeutin sagt zwar: Lassen Sie das. Sie haben den Fehler gemacht, aber Sie müssen das nicht die ganze Zeit mit sich rumtragen. Joanna wollte das damals so und der Vater war da. Es gibt Kinder, die bei Vätern groß werden. Die Therapeutin kann reden, und trotzdem ist das bei mir eine Wunde.

 

»Schön wäre es, wenn sie sich jedoch durchsetzt, denn das habe ich damals nie gemacht.«

 

Familienbild
© privat

Sag mir, wenn es zu weit geht, aber hast du das Gefühl, Joana könnte denselben Fehler begehen?

Sie hat wunderbare Männer, oder sagen wir besser Väter für ihre Kinder gefunden. Ob sie als Mann wunderbar waren, kann ich nicht einschätzen. Sowohl Joana als auch Noahs Vater hatten viel in der Vermögensberatung zu tun. Ich habe dann oft auf Noah aufgepasst. Joana war schon immer fleißig. Da hatten die Kinder manchmal nicht so den Platz. Nach der Trennung haben sie sich die Betreuung hälftig geteilt. Als Noah acht Jahre alt war, gab es ein Gespräch, wo er zukünftig wohnen möchte. Er entschied, bei seinem Vater zu wohnen. Joana hat viel Zeit mit ihm am Wochenende und in den Ferien verbracht. Bevor Joana nach Zypern ausgewandert ist, gab es ein weiteres Gespräch darüber, ob er mitkommen möchte. Noah entschied sich, bei seinem Vater in Deutschland zu bleiben.

Leni hat sie aber mitgenommen …

Ja, aber auch Christian, der Vater von Leni, hat sie aktuell mehr als Joana. Einerseits hatte Leni auch schon immer eine ganz besondere Bindung zu ihrem Papa. Andererseits hängt es vielleicht auch damit zusammen, dass der neue Partner die Kinder von anderen Männern nicht unbedingt so akzeptiert. Es ist nur traurig, dass sich das wiederholt. Manchmal setzen sich die Geschichten einfach immer weiter fort. Meine Mutti hatte vier Männer, zum Beispiel. Ich selbst hatte auch vier Männer. Das ist aber vielleicht auch Zufall. Vielleicht auch nicht und es ist irgendwie in uns drin. Aber letztlich ist es ihre Entscheidung. Wenn es Joana guttut, dann soll sie den Partner haben. Schön wäre es, wenn sie sich jedoch durchsetzt, denn das habe ich damals nie gemacht.

[Anmerkung der Red.: Zum Zeitpunkt des Interviews stellte sich die Situation wie oben beschrieben dar. Leben ist jedoch Veränderung, und so hat sich in Joanas Leben in Bezug auf ihre Tochter und die Beziehung so einiges verändert. Joana hat inzwischen in ihre Kraft gefunden, klare Grenzen zu setzen, zu ihrer Tochter zu stehen und sich für sie zu entscheiden. Inzwischen lebt sie mit dem Vater ihrer Tochter in einer freundschaftlichen WG auf Zypern und verbringt dadurch mehr Zeit mit ihr als zuvor. Auch ihr aktueller Partner ist gegenüber ihren Kindern offener geworden. Manche Dinge brauchen eben einfach Zeit.]

Mit dem Wissen von heute: Was hätte damals anders laufen sollen?

Ich hätte gleich gehen sollen. Oder zumindest sagen: Entweder gehe ich oder Joana bleibt hier. Ich wünsche mir nicht, dass das nochmal passiert. Ich kann gar nicht verstehen, dass sie das an ihre Tochter weitergibt, obwohl sie weiß, welchen Schmerz das Gefühl erzeugt. Ich wünsche mir sehr, dass irgendeiner diesen Knoten löst und mal sagt: Nein, mein Kind bleibt bei mir. Es gehört zu mir. Das ist wichtig. Auch für einen selbst. Ich habe zu Philipp und Viola ein anderes Verhältnis als zu Joana. Wenn ich sie umarme, ist in mir immer dieses Schuldgefühl. Ich würde mir für Joana wünschen, dass sie die Kraft findet, nicht den gleichen Fehler zu machen.

In deiner Sprachnachricht an deine Tochter sagtest du, wie mutig du es von Joanna findest, öffentlich über ihre Geschichte zu sprechen. Was macht das mit dir, wenn du siehst, wie sie sich als Person des öffentlichen Lebens präsentiert? 

Ich bin stolz darauf, wie Joana in der Lage ist, sich selbst zu präsentieren, obwohl das manchmal gar nicht ihr Ding ist. Sie fühlt sich bestimmt in manchen Situationen nicht gut. Und trotzdem hat sie immer ein Lachen im Gesicht und kann andere mitreißen, ist ungeheuer charmant und eloquent. Sie macht ihre Arbeit sehr gut. Ich würde mir wünschen, dass sie noch mehr Erfolg damit hätte.

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